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FAZ.NET-Spezial : Hilflose Schulen

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.-Greser&Lenz

Der Fall der Berliner Rütli-Schule zeigt: An Erkenntnissen mangelt es in der Schulpolitk nicht, aber es fehlt an raschem Handeln. Lieber werden ideologische Debatten gepflegt, als sich den wirklichen Brennpunkten zuzuwenden. FAZ.NET-Spezial.

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          Schon vor sechs Jahren war es in einer Pisa-Studie zu lesen: Ein Ausländeranteil von zwanzig Prozent senkt das Niveau in einer Klasse erheblich. Doch wer hat diesen alarmierenden Befund eigentlich zur Kenntnis genommen und entsprechende Schlüsse daraus gezogen?

          An schulpolitischen Erkenntnissen fehlt es in Deutschland längst nicht mehr, aber es dauert viel zu lange, bis sich die Schulwirklichkeit ändert. Das zeigt der Brief der Berliner Rütli-Schule, der schon fast vier Wochen alt war, bevor er bekannt wurde.

          Ideologische Debatten

          Das beweisen auch die Kultusminister, die sich nach jeder neuen Studie in ihren alten Konzepten bestätigt fühlen und dieselben „Maßnahmenkataloge“ wiederholen. Kaum besser als manche Bildungspolitiker verhalten sich die übrigen an der Bildungsdiskussion Beteiligten. Sie pflegen lieber ideologische Debatten, als sich den wirklichen Brennpunkten zuzuwenden - selbst jetzt, nach der Eskalation in Berlin.

          Der alte Streit um die Hauptschule wird wieder entfacht und der noch ältere Glaube genährt, daß mit der Änderung von Schulstrukturen Probleme gelöst werden könnten. Das wird allerdings nicht gelingen, zumal es nicht nur um bildungspolitische, sondern vor allem um integrationspolitische Versäumnisse geht.

          Schulen haben den Schwarzen Peter

          Mit brachialer Androhung von Ausweisungen, wie jetzt vom bayerischen Ministerpräsidenten Stoiber vorgeschlagen, ist nichts zu erreichen. Wie ohnmächtig die Schulen in seinem Land sind, zeigt sich jetzt beim albernen Handy-Nutzungsverbot, statt eines Handy-Verbots. Wie soll eine Schule kontrollieren, ob Kinder in der Pause telefonieren? Darf sie das überhaupt? Das alles kümmert die Bildungspolitiker nicht, den Schwarzen Peter haben die Schulen. Sie sind machtlos, wenn die Gewalt so eskaliert wie in Berlin.

          Schüler sehen schon beim Hereinkommen des Lehrers, ob er Angst vor ihnen hat. Sie haben ein untrügliches Gespür für die Körpersprache ihrer Lehrer, nichts entgeht ihnen. Wenn Lehrer nur noch darauf bedacht sind, ihre eigene Haut zu retten und Repressalien um jeden Preis zu vermeiden, ist es zu spät. Wer einmal Schwäche gezeigt hat oder sich erst später zu hartem Durchgreifen entscheidet, scheitert in der Klasse.

          Wer die Berichte eines Lehrers an der Rütli-Schule in Berlin liest, erkennt rasch, daß es pädagogisch falsch war, das Niveau zu senken und Lerngruppen einzurichten, um möglichst viel Lob verteilen zu können. Denn Gruppenunterricht überfordert solche Schüler, sie brauchen klare Zielvorgaben, Berechenbarkeit, Strenge und unerbittliche Konsequenz, verbunden mit bedingungsloser Zuwendung durch den Lehrer.

          Kinder nicht verloren geben

          Der Appell an die Erziehungsverantwortung der Eltern wird nichts fruchten. Die sind häufig arbeitslos, kaum des Deutschen mächtig und leben in Rückzugsgemeinschaften, in denen auch ihre Kinder vom ersten Schuljahr an zu Versagern werden. Denn niemand hat diese Kinder gezwungen, vor Schulbeginn Deutsch zu lernen, niemand hat ihnen Grenzen gezeigt, niemand hat etwas von ihnen erwartet und ihnen Zuwendung geschenkt.

          Sie waren dazu verdammt, Aufmerksamkeit zu erpressen - durch Gewalt, Kleinkriminalität und eine verstümmelte rabiate Sprache. Selbst mit solchen verlorengegebenen Kindern läßt sich noch viel erreichen. Das hat der Film „Rhythm is it“ über das Tanzprojekt mit Berliner Brennpunktschülern unter englischen Tanzpädagogen dokumentiert. So haben die Jugendlichen zum ersten Mal erfahren, daß Disziplin und hohe Anforderungen, verbunden mit echtem Interesse an jedem einzelnen ganz enorme Leistungen ermöglichen. Viele der „hoffnungslosen Kandidaten“, grölenden und Stärke mimenden Jugendlichen, fühlten sich nach dem Tanzprojekt persönlich so gestärkt, daß sie sich auch in der Schule mehr zutrauten, daß sie aufrecht gingen und etwas wollten. Das ist die unbedingte Voraussetzung für alle pädagogischen Rettungsversuche.

          Institutionalisierte Hilflosigkeit

          Erfahrene Leiter von Jugendarrestanstalten und Amtsrichter berichten, daß ein Jugendarrest über ein Wochenende in der Anfangsphase der kriminellen Entwicklung die Rückfallquote erheblich senkt. Sommercamps mit gezieltem Förderunterricht sind so lange sinnlos, wie es den betroffenen Schülern freigestellt wird, ob sie daran teilnehmen wollen - sie müßten dazu verpflichtet werden, im eigenen Interesse. Eingriffe in die persönliche Freiheit erleben gerade diese Jugendlichen als äußerst einschneidend.

          Doch die Schulen sind zur institutionalisierten Hilflosigkeit verurteilt. Wenn das pädagogische Handeln ausgeschöpft ist, bleibt ihnen nur die Resignation, das Schweigen oder die Kapitulation vor der Wirklichkeit wie in Berlin und anderswo. Es ist nicht mehr hinzunehmen, daß erfolgversprechende bildungspolitische und integrationspolitischen Maßnahmen bis zu ihrer Verwirklichung eine halbe oder eine ganze Schülergeneration brauchen. Die Länder müssen ihre Initiativen beschleunigen.

          Masochistische Grundzüge

          Deutschland steckt in der Toleranzfalle. Viel zu lange wurde Toleranz mit Duldung, Gleichgültigkeit oder gar Ignoranz verwechselt. Toleranz setzt Interesse, Hinwendung, Kennen und Wissen voraus, sonst bleibt es bei einem folgenschweren Gewährenlassen. Mit dieser Selbsttäuschung hat sich dieses Land bis zur Selbstaufgabe eingerichtet.

          Ein masochistischer Grundzug erstickt jegliche Integrationsbemühung im Keim. Wieso sollten sich türkische Jugendlichen um die deutsche Sprache und die Eingliederung in den Arbeitsmarkt bemühen, wenn ihnen das alles andere als erstrebenswert erscheint? Es ist das Schicksal der deutschen Hauptschule, daß ihre Schülerschaft solche gesellschaftlichen Risse wie mit dem Brennglas vergrößert. Sie sind schon längst da, alle haben weggeschaut. Jetzt ist die gesamte Öffentlichkeit gezwungen, hinzuschauen und rasch zu handeln.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

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