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FAZ.NET-Spezial : Die Kanzlerin

Angekommen: Angela Merkel Bild: AP

Als erster Kanzlerin Deutschlands ist Angela Merkel ein Platz in den Geschichtsbüchern sicher. An den Kreuzwegen ihres Aufstiegs überraschte sie Freund und Feind mit Mut, Willen, Energie, Ausdauer und Leidenschaft.

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          Sie hat nirgends gerüttelt, sie mußte nicht erst zu sich selbst laufen, und sie sagte nie, ein anderer könne das nicht machen. Trotzdem hat Angela Merkel das Ziel erreicht, von dem so viele Politiker träumen und dem so wenige nahe kommen. Dazu braucht man auch ein Quentchen Glück, hie und da eine günstige Wendung des Schicksals.

          Doch Kanzler oder Kanzlerin, wie man von nun an sagen muß, wird man nicht durch Zufall. Der Weg ins Kanzleramt ist steinig; er ist übersät mit Möglichkeiten des Scheiterns. Angela Merkel hat die Prüfungen, die den Kandidaten auch schon lange vor der formellen Kandidatur abverlangt werden, gemeistert - als erste Frau, und gegen mächtige Konkurrenten.

          Die „Neunundachtziger“

          Mit ihr tritt nach dem Abgang der sogenannten Achtundsechziger eine neue Politikergeneration auf die Bühne, die „Neunundachtziger“: Politiker, die in der DDR aufgewachsen sind und nach deren Untergang Verantwortung im wiedervereinigten Deutschland übernommen haben. Allein dieser Gründe halber wird die Kanzlerin schärfer beobachtet und beurteilt werden als mancher ihrer Vorgänger.

          Angekommen: Angela Merkel Bilderstrecke

          Doch ist die Observation durch die offene Gesellschaft für Frau Merkel nichts Neues mehr, wie auch der schnelle Wechsel von Lob und Tadel in der Berliner Medienrepublik nicht. Sechzehn Jahre dauert nun schon der Marathon Angela Merkels durch die deutsche Politik, in dem es für sie kaum Pausen gab. „Kohls Mädchen“ mußte im Laufen lernen, wie das System Bundesrepublik mit seinen Subsystemen funktioniert. Leute, die ihr darin Lektionen erteilen wollten, fanden sich viele, nicht zuletzt in ihrer eigenen Partei.

          Energie, Ausdauer und Leidensfähigkeit

          Doch die Alteingesessenen haben immer wieder die Energie, die Ausdauer und die Leidensfähigkeit Frau Merkels unterschätzt, vielleicht sogar ihr Entdecker. An den Kreuzwegen ihres Aufstiegs an die Spitze der CDU und dann zur Kanzlerschaft überraschte sie Freund und Feind mit dem Mut zur Initiative.

          Ihr Wille zur Führung zeigte sich in der Loslösung von Kohl und Schäuble, ihre Beweglichkeit in der vorübergehenden Abgabe der Kanzlerkandidatur an Stoiber, ihre politische Agenda auf dem Parteitag in Leipzig. Konkurrenten und Gegner hatten mehrfach Gelegenheit, Frau Merkel ins Straucheln zu bringen. Für sie aber stand an jedem dieser Abschnitte ihr politisches Überleben auf dem Spiel. Mit dem Rücken zur Wand kämpfend, siegte sie, wenn auch nur knapp, am Ende auch über ihren gefährlichsten Gegner, Schröder, der das - darin ganz Achtundsechziger - zunächst einfach nicht wahrhaben wollte.

          Ein anderer Lebensweg

          Es ist eine Ironie der Geschichte, daß Schröder und Fischer, die als Repräsentanten eines Projekts zur Gesellschaftsveränderung antraten, einer Frau aus dem bürgerlichen Lager weichen mußten, das angeblich so rückwärtsgewandt sein soll. Schlicht ein Witz ist die Behauptung der Grünen, ohne ihre Frauenpolitik „wäre eine Bundeskanzlerin immer noch undenkbar“. Was Grüne und SPD in dieser Zeit selbst hervorbrachten, waren zwei Alphatiere, die nicht vorhatten, ihren politischen Egotrip wegen einer Frau aus dem Osten abzubrechen.

          Die hat einen ganz anderen Lebensweg hinter sich als die Karrierelinken des Westens, aber auch als die Mehrheit ihrer gleichaltrigen Mitstreiter in der CDU. Frau Merkel mag einige Feste der Jungen Union verpaßt haben - in ihrer Jugend erlebte sie die Diktatur des SED-Staates und das Versagen der sozialistischen Planwirtschaft. In dieser Erfahrung liegen ihr Eintreten für liberale Ordnungspolitik und ihr Mißtrauen gegenüber einem allzu aufdringlichen Staat begründet. Frau Merkel verfügt über ein viel schärferes Freiheitsverständnis als mancher andere christliche Demokrat, der in Freiheit, aber auch in einem Wohlfahrtsstaatsgespinst aufgewachsen ist.

          Nüchterne Analyse

          Die wachsenden Probleme, die das vereinigte Deutschland aus der alten Bundesrepublik übernahm, konnte die Physikerin Merkel sine ira et studio betrachten; sie hat das, was sie vorfand, wie ein Wissenschaftler analysiert und dann ihre Handlungsempfehlung vorgelegt. Ihr nüchterner Stil kommt manchem zu kühl vor. Doch ist er der Lage des Landes angemessen. Vom „I did it my way“-Pathos gab es genug.

          Als Bundeskanzlerin kann Frau Merkel aber nicht nur Wirtschaftsingenieurin sein. Sie muß, wenn ihre Kanzlerschaft nicht zur Episode werden und die deutsche Krise kein Dauerzustand bleiben soll, das Volk für ihre Ziele und Absichten gewinnen - in sehr viel größerem Maße, als ihr das am jüngsten Wahltag gelang. An der Aufgabe, die Zustimmung der Bürger zur notwendigen Reformpolitik zu gewinnen, hatten sich aber schon Marketingtalente wie Schröder und Fischer die Zähne schartig gebissen - bis sie im Wahlkampf beidrehten, um zuzuhören, wie die Kieferknochen der Union knackten.

          Abhängig von der SPD

          Frau Merkel muß daher vor allem ein Interesse daran haben, den Reformflügel der SPD in die staatspolitische Verantwortung und damit auf ihre Seite zu ziehen. Gelänge es der Kanzlerin, die Sozialdemokratie für ein Reformbündnis zur Erneuerung Deutschlands zu gewinnen, das diesen Namen auch verdiente, dann könnte diese Koalition wirklich eine große werden. Sie hätte die nötigen Mehrheiten in Bundestag und Bundesrat zum „Durchreformieren“. Doch ist die Abhängigkeit von der künftigen Linie der SPD auch die größte Schwäche der neuen Kanzlerin. Der Koalitionspartner ließ sie schon bei ihrer Wahl spüren, daß er nicht an bedingungslose Gefolgschaft denkt.

          Als erster Kanzlerin Deutschlands ist Frau Merkel ein Platz in den Geschichtsbüchern sicher. Doch gab sie auch schon als erste Generalsekretärin und erste Vorsitzende der CDU zu verstehen, daß sie nicht nur der Gleichberechtigung der Frau voranhelfen will. Deutschland wolle sie dienen, sagte die Kandidatin Merkel vor der Bundestagswahl; es klang wie ein Dankeschön für eine Befreiung vor sechzehn Jahren. Nun hat sie es auch geschworen. So wahr ihr Gott helfe.

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