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FAZ.NET-Countdown : Die kühle Kanzlerin

  • -Aktualisiert am

Zu den Talenten von Bundeskanzlerin Angela Merkel gehört es, einen kühlen Kopf zu bewahren. Bild: Reuters

Zu den Qualitäten Angela Merkels gehört ihre Rationalität – doch auch die hat eine Kehrseite. Währenddessen versucht Donald Trump, seine Anhänger von ganz anderen Talenten zu überzeugen.

          Frank-Walter Steinmeier wird die richtigen Worte finden, wenn er heute in Berlin mit den Angehörigen der Opfer des Anschlags auf dem Breitscheidplatz vor genau einem Jahr spricht. Er wird ihnen Mut zusprechen, ihnen das Mitgefühl des Staates zusichern angesichts eines barbarischen Akts, der den islamistischen Terror endgültig nach Deutschland brachte. Wahrscheinlich wird er auch dafür um Entschuldigung bitten, dass ebenjener Staat erst so spät seine Anteilnahme zeigt – und dass den Sicherheitsbehörden im Fall Anis Amri so viele Pannen passiert sind, wie Eckart Lohse es in seinem Text noch einmal nachzeichnet. Für jene, die vor einem Jahr auf dem Weihnachtsmarkt ihre Liebsten verloren haben, macht diese späte Reue des Staats aber nichts besser. Sie werden sich weiter allein gelassen fühlen. Daran wird auch der offizielle Gedenkort in Berlin, den Angela Merkel am Mittag eröffnet, nichts ändern. 

          Erst ein Jahr nach dem Anschlag, am gestrigen Montag, hat sich die Kanzlerin mit den Hinterbliebenen getroffen, was nach Meinung des Opferbeauftragten Kurt Beck, der das Verhalten der Regierung in seinem Bericht scharf kritisiert hat, auch an einer „Fehleinschätzung“ der Lage lag. Man steht staunend davor und fragt sich: Wie kann man eine solche Lage „falsch einschätzen“? Wie kann man es nicht für nötig und für die obersten Repräsentanten unseres Staates selbstverständlich geboten halten, den Angehörigen eines solchen Anschlags schnell und mit aller Kraft das zu gewähren, was sie verdienen: größtmögliche Anteilnahme und Unterstützung? Die Physikerin Angela Merkel hat viele Talente; dazu gehört oft gerade ihre kühle, unideologische Rationalität. An Ereignissen wie auf dem Breitscheidplatz merkt man aber umso mehr, welche fatale Kehrseite dieses Talent hat. 

          Was sonst wichtig wird

          Für Donald Trump, den größten amerikanischen Präsidenten aller Zeiten, ist jeder Tag ein großartiger Tag, wie wir wissen – aber dieser Dienstag ist selbst nach seinen überirdischen Maßstäben noch ein wenig großartiger. Denn am Ende seines ersten Jahres im Amt, in dem ihm nach eigener Einschätzung alles, nach Meinung fast aller anderen hingegen kaum etwas gelang, nimmt Trumps Steuerreform heute wohl die vorletzte Hürde. Das Abgeordnetenhaus stimmt über die umstrittene Reform ab, eine Zustimmung gilt wegen der Mehrheit der Republikaner als sicher. Danach fehlt nur noch die ebenfalls sehr wahrscheinliche Zustimmung im Senat. Trump wird seinen Anhängern die Reform als größtmöglichen Beleg für seine Dealmaker-Qualitäten verkaufen – ob sie das noch immer so sehen, wenn sie bemerken, dass sie Reiche wie Trump entlastet, kleine Einkommen aber eher nicht?

          Einen Hinweis darauf, dass Versöhnung bei diesem Präsidenten eher eine untergeordnete Rolle spielt, könnte ihnen auch die neue Nationale Sicherheitsstrategie geben, die Trump am Montag vorgestellt hat und in der er China und Russland als „revisionistische Mächte“ bezeichnet. Andreas Ross hat aufgeschrieben, warum sich Trump damit fundamental von seinen Vorgängern unterscheidet.

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