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30 Jahre Mauerfall : Europas Gräben

Im Halbdunkel: Genscher 1989 auf dem Balkon des Palais Lobkowitz Bild: AP

Dreißig Jahre nach Hans-Dietrich Genschers Auftritt in Prag: Wenn Europas Gräben nicht tiefer werden sollen, müssen sie zugeschüttet werden – von allen Seiten.

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          Dreißig Jahre ist es nun her, dass Hans-Dietrich Genscher auf dem im Halbdunkel liegenden Balkon des Palais Lobkowitz in Prag den berühmten Satz sprach, dessen zweite Hälfte im Jubel der Botschaftsflüchtlinge aus der DDR unterging. Die Szene gehört zu den Ikonen des Wendejahres 1989. Damals erscholl auf der Prager Kleinseite nicht nur ein Aufschrei der Erleichterung darüber, endlich den kaum noch erträglichen Bedingungen in der überfüllten Botschaft zu entkommen. In jener Septembernacht ging für mehr als viertausend Deutsche aus der DDR ein größerer Traum in Erfüllung. Sie hatten alles hinter sich zurückgelassen, um der SED-Diktatur zu entfliehen und endlich in Freiheit zu leben. Dieses Beispiel trug dazu bei, dass auch die „Brudervölker“ aufstanden und das kommunistische Joch abwarfen.

          Tschechen, Slowaken, Ungarn, Polen und andere wollten danach „zurück nach Europa“, aus dem Stalin sie herausgerissen hatte. Dort sind ihre Staaten längst angekommen, wie die Mitgliedschaften in Europäischer Union und Nato zeigen. Doch ist die Begeisterung der frühen neunziger Jahre über die Ausbreitung von Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit auf dem ganzen Kontinent („Ende der Geschichte“) einer tiefgreifenden Ernüchterung gewichen.

          Die Gräben, vor denen Außenminister Maas in Prag warnte, haben sich schon aufgetan. War es vor drei Jahrzehnten vor allem die Vergangenheit, die das Verhältnis Polens und der damaligen Tschechoslowakei zu Deutschland belastete, so tritt die Uneinigkeit inzwischen öfter beim Blick in die gemeinsame Zukunft auf. Nicht allein die Dispute über die Flüchtlingspolitik offenbarten, dass – bei allen Unterschieden – die mittelosteuropäischen Länder stärker an ihrer nationalen Souveränität hängen als manche älteren EU-Mitglieder.

          Das kann angesichts der Geschichte Mittelosteuropas nicht gänzlich überraschen. Dass die mitunter traumatischen Erfahrungen zum illiberalen Nationalismus verpflichten würden, können jedoch allenfalls skrupellose Populisten behaupten. Wenn die Gräben nicht größer werden sollen, die sich durch Europa ziehen – und zwar nicht nur von Norden nach Süden –, dann müssen sie von allen Seiten her zugeschüttet werden. Als Materialien dafür taugen, wie im Herbst vor dreißig Jahren, das Recht und die Freiheit.

          Berthold Kohler
          Herausgeber.

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