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Judenhass in Deutschland : Eine existentielle Frage

Blick auf die Synagoge in der Oranienburger Straße in Berlin (Archivaufnahme) Bild: Jens Gyarmaty

Einzelne Fälle von Gewalt sind noch kein Argument für politisches Handeln. Bei der Attacke auf zwei Kippa tragende Männer mitten in Berlin ist das aber anders. Ein Kommentar.

          Einzelfälle sind Anlass für öffentliche Aufregung, aber noch kein Argument für politisches Handeln. Anders ist es, wenn ein Vorkommnis für einen Trend steht. Die Attacke auf zwei kippatragende Männer mitten in Berlin erregte Aufmerksamkeit, weil sie von einem der Opfer gefilmt wurde. Offensichtlich hat ein arabisch sprechender Mann die Passanten wegen ihrer Kopfbedeckung angegriffen. In dieser Aggression tritt Antisemitismus offen zutage – anders als in anderen Zusammenhängen, wo er nur vermutet werden kann. Und solche Pöbeleien und körperliche Gewalt sind leider keine Einzelfälle.

          Einzigartig ist zudem der historisch-politische Kontext; und der rechtfertigt auch eine politische Reaktion. Wachsamkeit und Hellhörigkeit gegenüber jeder Form von Antisemitismus kann Außenstehenden als mitunter ritualisiert und routiniert erscheinen. Doch ist das eine existentielle Frage, für Juden ganz buchstäblich, aber auch für Deutschland als Gemeinwesen. Denn eigentlich konnte und wollte man sich sicher sein, dass sich Geschichte jedenfalls so nie wiederholt. Doch das ist nur ein Wunsch; der zivilisatorische Firnis ist dünn, das große Tabu gibt es nicht mehr.

          Hier geht es nicht um die zum Glück weite Meinungs-, Kunst- also auch Satirefreiheit, die mitunter als Deckmantel für alles Mögliche herhalten muss. Es geht eher um schleichende Umdeutungen und Umwälzungen, die aber durchaus nicht im Verborgenen geschehen: Öffentliche Boykottaufrufe gegen Juden stehen in einer mörderischen Tradition – und sind heute wieder ernst gemeint.

          Das darf Deutschland niemals dulden

          Das geschieht in Zeiten unkontrollierter Einwanderung. Aber es ist unverantwortlich, Muslimen pauschal eine Abneigung gegen Juden zu unterstellen. Vertriebene Palästinenser bringen eigene Erfahrungen mit Israel mit, die ebenso zu achten sind wie die Zeichen ihrer Religion. Das Kopftuch hat bei Staatsdienern nichts verloren, darf aber ebenso wenig das Ziel von Angriffen sein wie das Kreuz oder die Kippa. Die historische Verantwortung Deutschlands bezeichnete die Bundeskanzlerin als Teil unserer Staatsräson. Was daraus konkret mit Blick auf den Staat Israel folgt, der seinen siebzigsten Geburtstag feiert, muss immer wieder neu entschieden werden. Aber Deutschland darf niemals dulden, dass Menschen aufgrund ihrer Herkunft, Hautfarbe oder Religion angegriffen werden.

          Reinhard Müller

          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“, „Staat und Recht“ sowie Frankfurter Allgemeine Einspruch.

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