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Altherren-Empfehlung: Keine zusätzliche Sicherheit, weder getrunken noch gespritzt. Bild: Wilhelm Busch

Fraktur : Krude wie Tante Trude

Die Corona-Krise ist ganz schön krass. Trotzdem sollte man nicht alles trinken, was auf dem Tisch steht.

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          Die vom guten Donald, also dem alten Rumsfeld, beschriebene Tatsache, dass es Dinge gibt, von denen wir nicht einmal wissen, dass wir sie nicht wissen, macht das Leben doch erheblich leichter, selbst im Rückblick. Wer weiß, an was wir uns alles erinnerten, wenn wir es – Gott sei Dank – nicht vergessen hätten? Andererseits ist nicht alles schrecklich, was hin und wieder aus den Tiefen der Sedimentschicht im Hirn auftaucht, wenn diese von einem externen Reiz aufgewirbelt wird. In unserem Fall kam auf diese Weise ein versunkener Satz-Schatz zum Vorschein, den vor einem halben Jahrhundert ein Deutschlehrer gerne gemurmelt hatte, ohne dass wir noch wüssten, warum. Er lautete: Niemand ist so krude wie Tante Trude aus Buxtehude.

          Auslöser für diesen Flashback war nicht etwa, dass im Radio wieder einmal der DÖF-Klassiker „Trude, die Teufelstaube“ gelaufen wäre, sondern der inflationäre Gebrauch des Adjektivs „krude“ in Verbindung mit dem Substantiv „Verschwörungstheorie“, über das wir an dieser Stelle schon in der vergangenen Woche geschrieben haben. Uns kommt diese Verbindung bei weitem nicht so zwingend vor wie anderen Kommentatoren des florierenden Verschwörungsgeschäfts. Natürlich müssen wenigstens die Grundformen dieser Theorien so schlicht sein, dass sie von der Hauptzielgruppe, den einfachen Gemütern, verstanden und wiedergegeben werden können, wobei es bei der Wiedergabe nicht auf Genauigkeit ankommt. Aber es gibt durchaus auch etwas komplizierte Varianten, etwa die, dass Merkel nicht die Rache Honeckers sei, sondern Hitlers.

          Durchgehend krude geht es auch in der Praxis der Corona-Krise nicht zu, jedenfalls nicht mehr, seit die Prügeleien im Supermarkt um die lebenswichtigen Güter aufgehört haben. Schon im alten Rom gab das Volk wieder Ruhe, wenn es panem et circenses bekam, was man heutzutage mit Klopapier und Bundesliga übersetzen müsste. Auch die Parteivölker wollen anspruchsvoll unterhalten werden, weswegen es auf dem Geisterparteitag der CSU sogar eine virtuelle Kinderbetreuungsecke gibt, in der die Kinder etwas ausmalen können, damit der Papa in Ruhe und Lederhose mittels Laptop dem großen Vorsitzenden zujubeln kann. Diese digitale Huldigung kriegen nicht einmal die Chinesen hin. Die dreitausend Delegierten des Volkskongresses mussten persönlich in der Großen Halle des Volkes erscheinen, um den üblichen Applaus zu spenden. Das war natürlich auch ein kleines Konjunkturprogramm für die Hotellerie, die Gastronomie und anderes Gewerbe, das auch in Peking schwer unter dem Abstandsgebot leidet.

          Das „physical distancing“ setzt offenbar auch dem anderen Donald, Trump, so zu, dass er seine Kollegen aus den G-7-Staaten nun doch zu sich ins Weiße Haus einladen will. Wie ernst es ihm damit ist, zeigt er schon dadurch, dass er zur Prophylaxe ein Malaria-Mittel einnimmt, das schwere Nebenwirkungen haben kann. Ob er es schon seit Jahren konsumiert? Möglicherweise wurde es Trump aber erst von seinem Kumpel Bolsonaro empfohlen, der es im März als Wunderwaffe im Kampf gegen das Coronavirus angepriesen hatte. Daraufhin wurde die Wahnsinnspille in Brasilien noch stärker nachgefragt als das blaue Wunder namens Viagra. Solchen Altherren-Empfehlungen würden Sie niemals folgen? In einer Kölner Kneipe tranken Gäste das Desinfektionsmittel, das der Wirt auf die Tische zur Handreinigung gestellt hatte. Immerhin spritzten die Gäste es sich aber nicht, worüber Trump ja auch räsoniert hatte.

          Die Fläschchen in der Kölner Kneipe, die für einen Gruß aus der Bar gehalten worden waren, wurden danach – zum Glück noch vor dem Vatertag – mit der Aufschrift „Desinfektion“ versehen. Auch auf solche Warnungen kann man sich freilich nicht verlassen. In Australien wurden entsprechend etikettierte Flaschen entdeckt, die keinen Alkohol, sondern Crystal Meth enthielten. Not macht eben erfinderisch, selbst in Rauschgifthändler-Kreisen. Krude würden wir auch das nicht nennen, sondern allenfalls krass. Aber bevor in Washington jemand auf eine weitere krasse Idee kommt: Nein, Mr. President, auch Crystal Meth gibt kein „zusätzliches Maß an Sicherheit“ gegen das Virus, weder getrunken noch gespritzt.

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