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Familienpolitik : Von der Leyen hat gesiegt

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.-Greser&Lenz

In der Debatte um mehr Krippenplätze wird oft darüber gestritten, ob Frauen „Rabenmütter“ sind, wenn sie ihre Kinder in einen Hort geben oder „Heimchen am Herd“, wenn sie sie selbst betreuen. In Wirklichkeit hat Ursula von der Leyen diesen Streit längst für sich entschieden. Jetzt geht's nur noch ums Geld. Ein Kommentar von Günther Nonnenmacher.

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          Familienministerin Ursula von der Leyen ist auf der Berliner Bühne so weit nach vorne gerückt, wie es noch keine ihrer Vorgängerinnen und keiner ihrer Vorgänger geschafft hat. Das liegt daran, dass da eine außerordentlich fernsehtaugliche Frau ihren Geschlechtsgenossinnen, zumindest auf dem Bildschirm, vorlebt, wovon viele von ihnen träumen: Erfolg und Aufstieg im Beruf und ein glückliches Zusammenleben mit Mann und Kindern lassen sich bruchlos vereinbaren.

          Frau von der Leyen hätte es allerdings schwerer gehabt, in die erste Garnitur des politischen Personals aufzusteigen, hätten ihr nicht zwei Großthemen den Weg gebahnt: Quer durch die Parteien wird befürchtet, dass die niedrige Geburtenrate in Deutschland das Ende des Sozialstaats (wenn nicht gar des deutschen Volkes) einleiten könnte. Und Unternehmenschefs beteuern von morgens bis abends, dass in einigen Jahren auf dem Arbeitsmarkt in Deutschland nicht mehr genug qualifizierte Kräfte zu finden sein würden, wenn der Anteil der Frauen nicht kräftig steige.

          „Rabenmütter“ und „Heimchen am Herd“

          Die Debatte ist deshalb so heftig, weil die Sachfragen mit einem Streit aus der Ära des Feminismus vermischt sind: Da wurden Frauen, die ihre Kinder früh in eine Krippe gaben, als „Rabenmütter“ bezeichnet, während die anderen, die ihre Kinder zu Hause erzogen, als „Heimchen am Herd“ beschimpft wurden. Dieser Streit ist ein Anachronismus, den in zehn Jahren niemand mehr verstehen wird. Schon heute ist kaum nachzuvollziehen, dass sich Frauen davon immer noch ein schlechtes Gewissen beziehungsweise einen Minderwertigkeitskomplex einreden lassen.

          Der Streit geht nur noch ums Geld

          Anachronistisch ist der Streit aber auch deshalb, weil er mit den veränderten Wirklichkeiten unserer Gesellschaft nicht mehr viel zu tun hat. Heutzutage kommen junge Paare, die in einem der Ballungsräume der Republik leben, materiell oft nur dann über die Runden, wenn Mann und Frau berufstätig sind. Das ist bei weniger Qualifizierten mit entsprechend niedrigen Gehältern offensichtlich; es gilt aber zunehmend auch für sogenannte „Besserverdienende“ - zumal wenn ihnen im Beruf immer mehr Mobilität und Flexibilität abverlangt werden. Solche Paare sind, wenn sie Kinder bekommen, auf die Möglichkeit von deren früher Betreuung regelrecht angewiesen.

          Bereicherung statt Fron

          Unübersehbar ist außerdem, dass junge Frauen, die eine Berufsausbildung absolviert oder studiert haben, ihren Job nicht nur als Fron erleben, sondern als Bereicherung - und das ist gut so. Was es da bedeutet, wenn jemand seine berufliche Position für einige Jahre verlässt, um ein Kind - oder mehrere - zu bekommen, bedarf keiner Beschreibung. Kein Wunder, dass diese Frauen (und Männer) besonders artikuliert mehr Krippen- und Kindergartenplätze fordern. Es kommt hinzu, dass es immer mehr gescheiterte Ehen und Beziehungen gibt, also auch die Zahl der Alleinerziehenden steigt. Sie haben oft gar nicht die materielle Möglichkeit, wegen Kindern jahrelang aus dem Berufsleben auszuscheiden. Aus all diesen Gründen ist es unvermeidlich, die Institutionen frühkindlicher Betreuung und Erziehung auszubauen.

          Auf die Frage, was das für die Entwicklung von Kleinkindern bedeutet, wird es, allen wissenschaftlichen Anstrengungen zum Trotz, wohl immer nur eine Antwort geben: Es kommt darauf an. Die Zuwendung und Liebe zufriedener, glücklicher Eltern bleibt die beste Voraussetzung für eine gute Erziehung. Doch in einem gut geführten Hort sind Kinder jedenfalls nicht schlechter aufgehoben als bei frustrierten, genervten Eltern oder in einer zerrütteten Partnerschaft. Anders gesagt: Eine Garantie für eine erfolgreiche Erziehung und glückliche Kinder gibt es weder hier noch dort. Abgesehen davon bringt das Kinderhaben - neben vielen Freuden - auch Sorgen, Probleme und Konflikte mit sich, die weder mit organisatorischen Hilfen noch durch materielle Vergünstigungen aus der Welt verschwinden.

          Im Grunde geht es nur ums Geld

          Was die Sache angeht, ist der Streit eigentlich entschieden: Frau von der Leyen wird mit ihrer Forderung nach einer kräftigen Vermehrung der Krippenplätze auch von Politikerinnen und Politikern in der Union unterstützt, die nichts dagegen haben, als „Konservative“ zu gelten. Im Grunde geht es also nur noch um Fragen der Finanzierung.

          Auf ein Ideal zielt die Forderung nach „Wahlfreiheit“. Das hieße wörtlich genommen, dass alle Eltern in den Genuss der gleichen materiellen Vergünstigungen kommen sollten - gleichgültig, ob sie ihr Kind in die Krippe geben oder selbst betreuen. Das wird angesichts angespannter Haushalte schlicht und einfach nicht möglich sein. Wer darauf besteht, wird oder will eine Ausweitung des Betreuungsangebots verhindern. Es kann allerdings auch nicht sein - in diese Richtung weisen Finanzierungsvorschläge der SPD -, dass durch „Umschichtungen“ der Mittel diejenigen bestraft werden, die ihre Kinder zu Hause betreuen; auf diesem Weg würde das Modell berufstätiger Eltern klammheimlich zur Norm erhoben. Das Ende vom Lied wird heißen: Ohne mehr Geld geht es nicht.

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