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Familienpolitik : „Verlaßt Mamas Hotel!“

Familienpolitik zu sehr auf die Geburt fixiert? Bild: dpa

Die Familienpolitik müsse stärker die Bedingungen des Aufwachsens und die Bildung beachten, meint der Berliner Soziologe Bertram, der in seiner neuen Studie Demographie-Thesen widerspricht und einen Ausblick auf den Familienbericht gibt.

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          Die jungen Deutschen machen es sich zu lange im „Hotel Mama“ bequem. Sie werden zu spät ökonomisch selbständig, lassen sich auch als Studenten die Wäsche von der Mutter waschen und nehmen sich nach dem Wochenendbesuch gern eine Portion Gulasch mit. Die Groß- oder, genauer, die Mehrkinderfamilie ist verschwunden. In Gesellschaften, in denen immer mehr Frauen vollerwerbstätig sind, geht die Fertilitätsrate zurück.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Und: Die langen Ausbildungszeiten, die Tatsache, daß fast 40 Prozent eines Altersjahrganges ihre ökonomische Selbständigkeit erst nach dem 28. Lebensjahr erlangen, führt im Lebensverlauf junger Erwachsener zur sogenannten „Rushhour“: Ihnen bleibt weniger Zeit, zur Etablierung einer Partnerschaft und zur Gründung einer Familie. So lauten, zusammengefaßt, die wichtigsten Erkenntnisse der neuen Studie „Nachhaltige Familienpolitik“ des Berliner Soziologen Hans Bertram (zusammen mit Wiebke Rösler und Nancy Ehlert).

          Durchschnittliches Alter bei erstem Kind steigt weiter

          Die Studie ist zwar im Auftrag des Familienministeriums erstellt, gleichwohl relativiert sie die Annahme, einzig ein Ausbau der Betreuungsangebote könne die Deutschen wieder dazu bringen, mehr Kindern das Leben zu schenken. 1975 wuchsen von den 20 Millionen Kindern unter 18 Jahren fast drei Millionen mit drei Geschwistern auf; 1989 teilten sich von 17 Millionen Kindern nur noch knapp eine Million Kinder das Spielzeug mit drei Geschwistern.

          Deshalb ist es aus Bertrams Sicht nicht ausreichend, die staatlichen Anreize darauf zu konzentrieren, die Geburt des ersten Kindes zu fördern. Die Frauen in Deutschland müßten früher ihr erstes Kind bekommen. Noch steigt das durchschnittliche Alter, mit dem Frauen ihr erstes Kind zur Welt bringen (2001: 29,7 Jahre; 2003: 29,9 Jahre). Es müssen also mehr dritte und vierte Kinder geboren werden, damit sich an der Fertilitätsrate von 1,3 etwas ändert.

          Nachteile in der beruflichen Lebensplanung?

          Der Soziologe Bertram stellt auch die gängige Auffassung, für ein Elternpaar ließen sich mehrere Kinder sowie ein uneingeschränkter beruflicher Aufstieg der Mutter und des Vaters vereinbaren, in Frage: „Die Entscheidung für ein Kind mit der Bereitschaft, für dieses Kind zu sorgen, vermindert die Zeit für das berufliche Engagement. Für solche Positionen hilft eine Politik, die auf eine geschlechtsneutrale familiäre Rollenteilung abzielt, recht wenig, da hier in der Regel beide Partner in einer ähnlichen Situation sind“, schreibt Bertram.

          Erst wenn Paare das Gefühl hätten, Kinder würden keine Nachteile in der beruflichen Lebensplanung mit sich bringen, würde die Entscheidung für Kinder getroffen. Ein Argument, das in Zeiten des härter werdenden ökonomischen Wettbewerbs, an Gewicht gewinnen dürfte und auch im Widerspruch zu einer Politik steht, die in der Ermöglichung der Vollerwerbstätigkeit für Mütter ein primäres Ziel sieht.

          „Policy mix“

          Bertram fordert den Staat dennoch zum Handeln auf: „Da der Staat aber gerade bei den Hoch- und Höchstqualifizierten das Ausbildungsmonopol hat, ist er in diesem Fall besonders gefordert. Man muß nur mal die deutschen Universitäten daraufhin untersuchen, was sie für eine familienfreundliche Karriereplanung ihrer Nachwuchswissenschaftler tun.“

          Staatlichen Handlungsbedarf sieht der Soziologe auch beim Problem der Nesthockerei junger deutscher Erwachsener: Es sei fragwürdig, wenn der Staat seine Unterstützungsleistungen bis zum 27. Lebensjahr nicht an die jungen Erwachsenen, sondern, um Geld zu sparen, an die Eltern zahle.

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