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Familienpolitik : Glück und Grenzen

Gesellschaftlicher Erwartungsdruck, in welche Richtung auch immer, ist wohl kaum ein entscheidender Grund für die geringe Geburtenrate in Deutschland. Schon eher Bildung, Selbstverwirklichung, Emanzipation - der Frauen natürlich.

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          Das Leitbild von der „guten Mutter“, die wegen der Kinder entweder zu Hause bleibt oder die mit Kindern berufstätig ist, gibt es weder im Westen noch im Osten. So folgsam sind die Deutschen dann doch nicht, dass sie auch höchstpersönliche Entscheidungen von ikonografischen Supermuttis abhängig machten.

          Natürlich prägen Milieus und Traditionen, was aber keineswegs nur mit Ost und West zu tun hat: das berühmte protestantische Pfarrhaus ist überall. Gesellschaftlicher Erwartungsdruck, in welche Richtung auch immer, ist wohl kaum ein entscheidender Grund für die geringe Geburtenrate in Deutschland. Schon eher Bildung, Selbstverwirklichung, Emanzipation - der Frauen natürlich.

          Männer tun sich meist leicht mit der Behauptung, Beruf und Familie seien leicht miteinander zu vereinbaren. Denn ihr Beitrag zur Bewältigung dieses Spagats ist oft gering. Das ändert sich zwar langsam. Doch haben es Frauen mit Kindern weiterhin schwer, beruflich voranzukommen. Der Staat hat schon einiges auf den Weg gebracht: Er fördert Frauen im öffentlichen Dienst und subventioniert die Verbindung von Familie und Beruf. Er stößt aber an Grenzen.

          Denn er kann, will er seine freiheitlichen Grundlagen nicht verraten, schlechterdings Unternehmen nicht vorschreiben, wie sie ihre Gremien zusammenzusetzen haben. Und er kann auch qualifizierte Frauen nicht dazu zwingen, in bestimmte Positionen einzurücken. So gibt es immer wieder Frauen, die herausragende Posten ablehnen - aus privaten Gründen.

          Hier liegt der Hase im Pfeffer: in der Unternehmenskultur und der Rollenverteilung in der Familie. Und da hat der Staat nicht viel zu suchen. Eine Wende ist aber schon zu beobachten: Hochdotierte Tätigkeiten ohne Perspektive, aber mit peinlicher Präsenzkultur werden von immer mehr hochqualifizierten Bewerbern abgelehnt. Auch von Männern.

          Wer gute Mitarbeiter haben und halten will, der muss ihnen ein familienfreundliches Klima bieten. Mehr als einen solchen Klimawandel kann auch der Staat nicht anstreben, um seine Bürger an eine Selbstverständlichkeit zu erinnern: dass zum privaten Glück nicht nur das Erwerbsleben zählt - und dass „Erfolg“ viel zu selten mit Zufriedenheit übersetzt wird.

          Deutlich mehr als die Deutschen freuen sich Russen, Franzosen oder Ungarn auf Nachwuchs
          Deutlich mehr als die Deutschen freuen sich Russen, Franzosen oder Ungarn auf Nachwuchs : Bild: F.A.Z.
          Reinhard Müller

          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“ und F.A.Z. Einspruch, zuständig für „Staat und Recht“.

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