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Familienpolitik : Das Ende des Patriarchats

  • -Aktualisiert am

Bild: Illustration Peter von Tresckow

In dem Bemühen über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist es bisher beim „Herumdoktern“ an Symptomen geblieben. Die Probleme der Zukunft lassen sich nur lösen, wenn Frauen und Männer ihre Fähigkeiten als gleichwertige Partner einbringen. Ein Gastbeitrag.

          Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist seit Jahren ein zentrales Thema unserer gesellschaftlichen Diskussion gepaart mit einem „Herumdoktern“ an Symptomen der dem Übel zu Grunde liegenden Krankheit ohne wesentlichen sichtbaren Therapieerfolg. Warum?
          Im Wesentlichen wurde das Leben über die Jahrtausende nur von Männern für Männer gemacht und gedacht, da sich Frauen auf Grund ihrer Biologie in einer Rolle fanden, die fast ausschließlich mit der Reproduktion befasst war.

          Frauen mussten gebären, am besten viele Kinder, damit die, die bei der hohen Kindersterblichkeit überlebten, sich primär um die Eltern im Alter und sekundär um den Stammeserhalt kümmern konnten. Frauen konnten sich auch nicht anders entscheiden, da der Drang zur körperlichen Vereinigung untrennbar mit der Schwangerschaft verbunden war. Frauen waren zu schwach, sich vor der allgegenwärtigen Gewalt von außen zu schützen, zu schwach und zudem meist noch schwanger, um sich um mit schwerer körperlicher Arbeit verbundenen Nahrungsbeschaffung zu kümmern. Lange stillend, existentiell für die Aufzucht des Nachwuchses,  fest in Haus und Hof verortet.

          Somit hatte der Mann, nur kurzfristig durch die Reproduktion abgelenkt, diese dabei nicht einmal im Sinn, sondern ein Nebenprodukt, auf Grund der körperlichen Statur, seiner Testosteron verursachten höheren Aggressivität, sich um Schutz und Nahrungsbeschaffung zu kümmern.

          Diese männlichen Aufgaben sind heute nicht mehr gefragt. Denn seit der Industrialisierung werden schwere körperliche Arbeiten zunehmend von Maschinen geleistet. Und seit Carl Dyerassi durch die Entwicklung des künstlichen Gestagens ab den sechziger Jahren vielen die hormonale Geburtenregelung möglich machte, konnten sich Frauen Zeit für Ihre eigene Qualifikation in früher Männern vorbehaltenen Berufsfeldern nehmen.

          Die Frau hat es in der Hand

          Nun ist Denken für alle das Leben steuernden Schritte das wichtigste Instrument. Will man die begonnene gesellschaftliche Umstrukturierung zum Erfolg führen, muss umgedacht werden. Alle Bereiche des täglichen Lebens müssen von der Frau aus gedacht werden, denn sie hat es maßgeblich in der Hand, ob unsere Gesellschaft sich weiter entwickelt, weiter besteht. Sie hat es in der Hand, ob Kinder geboren werden.

          Sich zu lieben und Kinder zu haben ist arterhaltend genetisch in uns verankert. Ist dieses uns nicht möglich oder arbeiten wir dagegen, entstehen Störungen bis hin zur Krankheit. Eine Vielzahl psychiatrisch relevanter Krankheiten ist verbunden mit Partnerschaftsproblemen. Viele Paare leiden, wenn sie keine Kinder bekommen können.

          Gibt man Nagern in einer experimentellen Situation schlechte Lebensbedingungen, wird ihre Reproduktion gehemmt. Auch wenn wir Menschen komplexer sind als Nager, es sind wie wir Säugetiere, werden auch wir Entscheidungen für Kinder nur fällen, wenn die äußeren Bedingungen die Realisation des Kinderwunsches auch zulassen, wenn ein Kind die persönliche Lebenssituation nicht verschlechtert.

          Entgegen der politischen Praxis sind es nicht weitere Geldgaben, sondern die Wertschätzung durch die Gesellschaft, die Eltern fehlt. Wertschätzung kann leider nicht durch Gesetze verordnet werden kann. Aber eine Vielzahl von Gesetzen und Verordnungen kann Wertschätzung in einem jahrelangen Prozess für die Bürger lohnend machen. Die Neurobiologie zeigt uns, dass wir Menschen das gerne tun, wofür wir belohnt werden. Das Belohnungsprinzip könnte Maxime einer wertschätzenden Gesetzgebung sein.

          Unsere Vorfahren haben Kriege geführt, um Probleme zu lösen oder von ihnen abzulenken.Unsere heutigen Probleme lassen sich so nicht lösen. Der mächtige Feind ist in unserem Kopf. Er ließ nicht zu, dass aus der Gleichberechtigung in vielen Bereichen eine „Gleichbefähigung“ wurde, nachdem die „Pille“ den Frauen endlich ein den Männern adäquates Lernen und Können zum Wohle unserer Gesellschaft ermöglichte.

          Die Probleme der Zukunft lassen sich nur lösen, wenn Frauen und Männer ihre Fähigkeiten als gleichwertige Partner einbringen. Sinngemäß schreibt Blaise Pascal, dass wir mit zwei Augen immer nur vor einen Gegenstand schauen, mit vieren aber um ihn herumsehen können. Wie schön wäre es, wenn diese Augen dann alles gemeinsam aus der weiblichen und männlichen Perspektive sehen.

          Der Beginn eines „Parentiarchat“

          Wir Menschen haben es in uns, zu erfinden und Erfundenes zu verbessern. So haben wir Maschinen, die Pille, das Internet und Vieles mehr. Mit den Folgen unserer Erfindungen tun wir uns etwas schwer. Wenig entwickelt sich so, wie wir es wünschen. Statt Verweigerung ist konstruktive Begleitung gefragt. Sehen wir in diesen Entwicklungen nicht den Feind, sondern den ungestümen Freund, der unserer erfahrenen Hilfe bedarf, um uns neue Weiten zu eröffnen. In der nötigen Gelassenheit und mit dem Blick von dem aus, um den es geht. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist kein einzelnes Ziel, sondern Teil der Entwicklung auf gutem Wege.

          Ordnet man die Symptome, erleichtert man eine Diagnose. So könnte aus dem „Herumdoktern“  eine erfolgreiche Therapie der zu Grunde liegenden Krankheit werden.

          Prof. Dr. Ludwig Spätling ist Direktor der Frauenklinik, Klinikum Fulda sowie Vorstand der Deutschen Familienstiftung

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