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Brandanschlag in Solingen : Eine Nacht, die nicht vergeht

Gedenken vor dem ausgebrannten Haus: Die Särge der Getöteten kurz nach dem Anschlag in Solingen 1993 Bild: dpa

Vier Rechtsextreme steckten vor 25 Jahren in Solingen ein Haus in Brand, fünf Menschen starben. Ein Schock für das ganze Land. Und der Beginn eines langen Leidens für die Angehörigen.

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          „Es macht für mich keinen Unterschied, ob ein Jahr, fünf, zehn, oder eben 25 Jahre vergangen sind“, sagt Mevlüde Genc. „Dieser Schmerz für meine fünf Liebsten, die ich verloren habe, ist heute genauso in meiner Brust wie damals. Und das wird so lange dauern, bis ich sterbe.“ Zum 25. Mal jährt sich an diesem Dienstag der verheerende Brandanschlag von Solingen. Am 29. Mai 1993 verlor Mevlüde Genc zwei Töchter, zwei Enkelinnen und eine Nichte, weil vier junge Rechtsextreme ihr Haus in der Unteren Wernerstraße in Brand gesteckt hatten. Es war die „schwärzeste Stunde in der Geschichte der Stadt seit dem Zweiten Weltkrieg“, sagt Oberbürgermeister Tim Kurzbach (SPD).

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          „Solingen“ wurde in vielfacher Hinsicht zur Chiffre. Zwar hatte es Anfang der neunziger Jahre schon mehrere schwere ausländerfeindliche Anschläge in Deutschland gegeben, in Hoyerswerda, Rostock oder Mölln. Doch die Solinger Tat erschütterte Deutschland besonders. In der türkischen Gemeinschaft blieb „Solingen“ als fürchterlicher Höhepunkt einer schrecklichen Angstserie in Erinnerung. Und der breiten Öffentlichkeit in Deutschland wurde bewusst: Wenn es in der Klingenstadt Solingen passiert, wo schon seit Generationen Menschen vieler Nationen arbeiten und zusammenleben, dann kann es auch in jeder anderen Stadt passieren. „Die Morde von Mölln und Solingen sind nicht unzusammenhängende, vereinzelte Untaten. Sondern sie entstammen einem rechtsextremistisch erzeugten Klima“, sagte der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker wenige Tage nach dem Anschlag auf der zentralen Trauerfeier. „Auch Einzeltäter kommen hier nicht aus dem Nichts. Rechtsextreme Gewalt, so gedankenarm sie auch wirkt, ist doch politisch motiviert. Sie hat zugenommen.“

          Weizsäcker spielte damit auch auf die politische Stimmung an, die damals in Deutschland herrschte. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, durch die Kriege und Massaker im ehemaligen Jugoslawien und andere Konflikte war innerhalb kurzer Zeit die Zahl der Flüchtlinge stark gestiegen. Emotional, zuweilen auch aggressiv wurde damals in Deutschland über das Asylrecht gestritten. Schlagworte wie „Überfremdung“ und „Asylantenschwemme“ oder „das Boot ist voll“ fielen nicht nur an Stammtischen. Rechtsradikale Parteien profitierten von der Stimmung und zogen in mehrere Landesparlamente ein. Der Bundestag wiederum stritt viele Monate lang über das Grundrecht auf Asyl und verabschiedete schließlich am 26. Mai 1993 mit den Stimmen von Union, FDP und SPD den sogenannten Asylkompromiss.

          Keine Form der Reue erkennbar

          In der Nacht vom 28. auf den 29. Mai 1993 verabredeten sich die vier jungen Täter im Alter zwischen 16 und 23 Jahren, die sich aus der Solinger Skinhead-Szene kannten, spontan, um „den Türken“ einen „Denkzettel“ zu verpassen, wie es im Urteil des Oberlandesgerichts Düsseldorf heißt. Einer der jungen Männer schlug als Ziel für den Anschlag das Haus seiner Nachbarn von gegenüber, der Familie Genc, vor. Im Eingang des Altbaus aus den zwanziger Jahren gossen zwei der Täter großflächig Benzin aus und zündeten es an. Nach wenigen Minuten hatten sich die Flammen durch das hölzerne Treppenhaus bis in den Dachstuhl emporgefressen. „Den im Haus verbliebenen Bewohnern war jede Fluchtmöglichkeit durch die Diele und das Treppenhaus versperrt“, heißt es im Urteil.

          Drei der Täter erhielten wegen der fünf Morde, wegen vierzehnfachen Mordversuchs und besonderes schwerer Brandstiftung zehn Jahre Jugendhaft. Markus G., der älteste Täter, wurde zu 15 Jahren Haft verurteilt. G. hatte als Einziger ein Geständnis abgelegt, es wurde zum wichtigsten Beweismittel der Anklage. Doch im Prozess widerrief G. seine Aussage mehrfach, zuletzt auch am letzten Tag der Hauptverhandlung. Ein anderer Angeklagter lieferte immer neue Versionen des Tatablaufs. Schon seit vielen Jahren sind die vier wieder auf freiem Fuß – irgendeine Form von Reue haben sie nie bekundet.

          „Die Strafen sind verbüßt, das Thema für mich erledigt“, sagt Mevlüde Genc. Wenn ihre Zeit gekommen sei, müssten sich die vier vor Gott verantworten, sagt sie, als sie Mitte Mai gemeinsam mit ihrem Ehemann Durmus zum Gespräch ins Solinger Rathaus geladen war. Die Stadt hilft der Familie dabei, die vielen Medienanfragen vor Jahrestagen zu bewältigen. Zumal die 75 Jahre alte Dame gesundheitlich angeschlagen und auf die Hilfe eines Dolmetschers angewiesen ist, um ihre Botschaft möglichst präzise zu übermitteln, die ihr seit 1993 ein Herzensanliegen ist. Vor 25 Jahren fand Mevlüde Genc an den Särgen der fünf Toten die Kraft für einen anrührenden Appell: „Der Tod meiner Angehörigen soll uns öffnen, Freunde zu sein. Lasst uns Hand in Hand miteinander leben.“Es war nicht nur eine große menschliche Geste, sondern eine wichtige politische Tat. Denn kurz nach dem Anschlag waren türkische Jugendliche und linksextreme Trittbrettfahrer aus nah und fern durch Solingen gezogen und hatten Parolen wie „Gestern Juden, heute Türken“ oder „Tod den Nazis!“ gerufen. Später schlug der Mob Läden kurz und klein, steckte Barrikaden in Brand und lieferte sich Straßenschlachten mit der zunächst gänzlich überforderten Polizei.

          Der türkische Außenminister darf nicht im Landtag reden

          „Mit ihrem Appell hat Frau Genc vor 25 Jahren die Lage beruhigt. Sie hat sich damit bleibende Verdienste um Deutschland erworben“, sagt der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet (CDU). „Was damals in Solingen passiert ist, ist bis heute bedeutsam für das ganze Land.“ Laschet erinnert daran, dass die Stimmung auch wegen der vorangegangenen ausländerfeindlichen Anschläge in Hoyerswerda, Rostock, Mölln und Hünxe so aufgeheizt gewesen sei, dass manche bürgerkriegsähnliche Zustände befürchtet hätten. Mitten in dieser Stimmung habe Mevlüde Genc trotz ihres persönlichen existentiellen Schmerzes zur Versöhnung aufgerufen. „Das war großartig.“

          Wenig später setzte Mevlüde Genc ein weiteres Zeichen: Sie nahm die deutsche Staatsbürgerschaft an. 1996 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz. Und 2012 nahm sie – auf Vorschlag der CDU – an der Wahl des Bundespräsidenten teil. Die Gedenkveranstaltungen an den Jahrestagen sind Mevlüde Genc besonders wichtig. „Gerade weil wir das Jahr über nicht oft über den Brandanschlag sprechen“, sagt sie. Sie wolle ihre Kinder und Enkelkinder nicht allzu sehr belasten, und ihr Mann habe schon seit einiger Zeit ein Herzleiden. „Aber die Jahrestage sind für mich und meine Familie keine Belastung, im Gegenteil. Wir können ja nicht mehr die Geburtstage unserer Kinder begehen; dafür denken wir am 29. Mai an sie. Und es tut uns gut, dass so viele andere Menschen daran teilhaben.“

          „Hand in Hand leben“: Genc traf am Montag den Bundespräsidenten.

          Umso trauriger ist Mevlüde Genc, dass es ausgerechnet vor dem 25. Jahrestag zu politischen Verstimmungen gekommen ist. Auf Wunsch der Familie Genc hat Ministerpräsident Laschet auch den türkischen Außenminister Mevlüt Cavusoglu zu einer zusätzlichen Gedenkveranstaltung des Landes Nordrhein-Westfalen eingeladen – noch bevor der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan im Februar überraschend die Parlaments- und Präsidentenwahlen in der Türkei vorzog. SPD und Grüne lehnten es deshalb ab, Cavusoglu im Landtag reden zu lassen; zu groß sei die Gefahr, „dass das Hohe Haus der Demokratie in NRW“ für einen Wahlkampfauftritt eines Mitgliedes der immer autokratischer agierenden türkischen Regierung werden könnte.

          „Ein Schmerz, den nicht jeder Mensch tragen kann“

          Mevlüde Genc hat die Debatte sehr bekümmert. „Ich hatte keine bösen Hintergedanken, als ich mir wünschte, dass von der deutschen und von der türkischen Regierung ein Vertreter kommen soll.“ An jedem Jahrestag habe man das bisher so gehandhabt. Ihr sei das auch deshalb wichtig, weil sowohl Deutschland als auch die Türkei ihre Heimat seien und weil sie ihre Versöhnungsbotschaft zum 25. Jahrestag erneuern wolle. „Nicht Hass soll gedeihen, sondern geschwisterliches Zusammenleben. Lasst uns dafür sorgen, dass der Schmerz einer Mutter, die fünf Kinder verloren hat, nicht auch anderen widerfährt, denn es ist ein Schmerz, den nicht jeder Mensch tragen kann.“

          Die Gedenkveranstaltung des Landes Nordrhein-Westfalen findet nun in der Staatskanzlei statt. Als Zeichen der besonderen Wertschätzung für Familie Genc will auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) dort eine Rede halten. Am Nachmittag trifft der türkische Außenminister Cavusoglu Familie Genc und Außenminister Heiko Maas (SPD) dann am Solinger Mahnmal. Es war schon zum ersten Jahrestag des Brandanschlags fertig, weil ein engagierter Lehrer und Jugendliche das Gedenken in die eigene Hand genommen haben. Im Zentrum der Skulptur zerbrechen zwei Figuren ein Hakenkreuz. Um sie herum türmen sich Ringe, in die Spender ihre Namen haben eingravieren lassen. Fünf Ringe sind aus Kupfer; sie tragen die Namen der Opfer. Der Kreis der Spender-Ringe wächst von Jahr zur Jahr. Sowohl Cavusoglu als auch Maas wollen an dem Mahnmal Reden halten. Es gehe darum, eine gemeinsame Botschaft der Trauer und der Anteilnahme auszusenden, sagt Oberbürgermeister Kurzbach. Vom türkischen Außenminister erwarte er, dass der Gedenktag nicht für Wahlkampfzwecke missbraucht werde. „Der 29. Mai ist ein Tag des Innehaltens, gemeinsam mit Familie Genc setzen wir ein Zeichen für das Miteinander, für Demokratie und Toleranz.“

          Danach ist ein weiteres stilles Gedenken am Ort des Anschlags in der Unteren Wernerstraße geplant. Dort, wo früher das Haus der Familie Genc stand, klafft seit 25 Jahren eine tiefe Lücke. Fünf Kastanienbäume erinnern an die Toten. Dieser Ort bedeutet Mevlüde Genc besonders viel. „Wenn ich dort mit meinem Mann hingehe, stellen wir uns immer vor, wie es war, als unsere Kinder herumgerannt sind, gespielt haben, und wir beten für ihre Seelen. Das tut uns gut.“

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