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Brandanschlag in Solingen : Eine Nacht, die nicht vergeht

„Hand in Hand leben“: Genc traf am Montag den Bundespräsidenten.

Umso trauriger ist Mevlüde Genc, dass es ausgerechnet vor dem 25. Jahrestag zu politischen Verstimmungen gekommen ist. Auf Wunsch der Familie Genc hat Ministerpräsident Laschet auch den türkischen Außenminister Mevlüt Cavusoglu zu einer zusätzlichen Gedenkveranstaltung des Landes Nordrhein-Westfalen eingeladen – noch bevor der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan im Februar überraschend die Parlaments- und Präsidentenwahlen in der Türkei vorzog. SPD und Grüne lehnten es deshalb ab, Cavusoglu im Landtag reden zu lassen; zu groß sei die Gefahr, „dass das Hohe Haus der Demokratie in NRW“ für einen Wahlkampfauftritt eines Mitgliedes der immer autokratischer agierenden türkischen Regierung werden könnte.

„Ein Schmerz, den nicht jeder Mensch tragen kann“

Mevlüde Genc hat die Debatte sehr bekümmert. „Ich hatte keine bösen Hintergedanken, als ich mir wünschte, dass von der deutschen und von der türkischen Regierung ein Vertreter kommen soll.“ An jedem Jahrestag habe man das bisher so gehandhabt. Ihr sei das auch deshalb wichtig, weil sowohl Deutschland als auch die Türkei ihre Heimat seien und weil sie ihre Versöhnungsbotschaft zum 25. Jahrestag erneuern wolle. „Nicht Hass soll gedeihen, sondern geschwisterliches Zusammenleben. Lasst uns dafür sorgen, dass der Schmerz einer Mutter, die fünf Kinder verloren hat, nicht auch anderen widerfährt, denn es ist ein Schmerz, den nicht jeder Mensch tragen kann.“

Die Gedenkveranstaltung des Landes Nordrhein-Westfalen findet nun in der Staatskanzlei statt. Als Zeichen der besonderen Wertschätzung für Familie Genc will auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) dort eine Rede halten. Am Nachmittag trifft der türkische Außenminister Cavusoglu Familie Genc und Außenminister Heiko Maas (SPD) dann am Solinger Mahnmal. Es war schon zum ersten Jahrestag des Brandanschlags fertig, weil ein engagierter Lehrer und Jugendliche das Gedenken in die eigene Hand genommen haben. Im Zentrum der Skulptur zerbrechen zwei Figuren ein Hakenkreuz. Um sie herum türmen sich Ringe, in die Spender ihre Namen haben eingravieren lassen. Fünf Ringe sind aus Kupfer; sie tragen die Namen der Opfer. Der Kreis der Spender-Ringe wächst von Jahr zur Jahr. Sowohl Cavusoglu als auch Maas wollen an dem Mahnmal Reden halten. Es gehe darum, eine gemeinsame Botschaft der Trauer und der Anteilnahme auszusenden, sagt Oberbürgermeister Kurzbach. Vom türkischen Außenminister erwarte er, dass der Gedenktag nicht für Wahlkampfzwecke missbraucht werde. „Der 29. Mai ist ein Tag des Innehaltens, gemeinsam mit Familie Genc setzen wir ein Zeichen für das Miteinander, für Demokratie und Toleranz.“

Danach ist ein weiteres stilles Gedenken am Ort des Anschlags in der Unteren Wernerstraße geplant. Dort, wo früher das Haus der Familie Genc stand, klafft seit 25 Jahren eine tiefe Lücke. Fünf Kastanienbäume erinnern an die Toten. Dieser Ort bedeutet Mevlüde Genc besonders viel. „Wenn ich dort mit meinem Mann hingehe, stellen wir uns immer vor, wie es war, als unsere Kinder herumgerannt sind, gespielt haben, und wir beten für ihre Seelen. Das tut uns gut.“

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