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Brandanschlag in Solingen : Eine Nacht, die nicht vergeht

Drei der Täter erhielten wegen der fünf Morde, wegen vierzehnfachen Mordversuchs und besonderes schwerer Brandstiftung zehn Jahre Jugendhaft. Markus G., der älteste Täter, wurde zu 15 Jahren Haft verurteilt. G. hatte als Einziger ein Geständnis abgelegt, es wurde zum wichtigsten Beweismittel der Anklage. Doch im Prozess widerrief G. seine Aussage mehrfach, zuletzt auch am letzten Tag der Hauptverhandlung. Ein anderer Angeklagter lieferte immer neue Versionen des Tatablaufs. Schon seit vielen Jahren sind die vier wieder auf freiem Fuß – irgendeine Form von Reue haben sie nie bekundet.

„Die Strafen sind verbüßt, das Thema für mich erledigt“, sagt Mevlüde Genc. Wenn ihre Zeit gekommen sei, müssten sich die vier vor Gott verantworten, sagt sie, als sie Mitte Mai gemeinsam mit ihrem Ehemann Durmus zum Gespräch ins Solinger Rathaus geladen war. Die Stadt hilft der Familie dabei, die vielen Medienanfragen vor Jahrestagen zu bewältigen. Zumal die 75 Jahre alte Dame gesundheitlich angeschlagen und auf die Hilfe eines Dolmetschers angewiesen ist, um ihre Botschaft möglichst präzise zu übermitteln, die ihr seit 1993 ein Herzensanliegen ist. Vor 25 Jahren fand Mevlüde Genc an den Särgen der fünf Toten die Kraft für einen anrührenden Appell: „Der Tod meiner Angehörigen soll uns öffnen, Freunde zu sein. Lasst uns Hand in Hand miteinander leben.“Es war nicht nur eine große menschliche Geste, sondern eine wichtige politische Tat. Denn kurz nach dem Anschlag waren türkische Jugendliche und linksextreme Trittbrettfahrer aus nah und fern durch Solingen gezogen und hatten Parolen wie „Gestern Juden, heute Türken“ oder „Tod den Nazis!“ gerufen. Später schlug der Mob Läden kurz und klein, steckte Barrikaden in Brand und lieferte sich Straßenschlachten mit der zunächst gänzlich überforderten Polizei.

Der türkische Außenminister darf nicht im Landtag reden

„Mit ihrem Appell hat Frau Genc vor 25 Jahren die Lage beruhigt. Sie hat sich damit bleibende Verdienste um Deutschland erworben“, sagt der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet (CDU). „Was damals in Solingen passiert ist, ist bis heute bedeutsam für das ganze Land.“ Laschet erinnert daran, dass die Stimmung auch wegen der vorangegangenen ausländerfeindlichen Anschläge in Hoyerswerda, Rostock, Mölln und Hünxe so aufgeheizt gewesen sei, dass manche bürgerkriegsähnliche Zustände befürchtet hätten. Mitten in dieser Stimmung habe Mevlüde Genc trotz ihres persönlichen existentiellen Schmerzes zur Versöhnung aufgerufen. „Das war großartig.“

Wenig später setzte Mevlüde Genc ein weiteres Zeichen: Sie nahm die deutsche Staatsbürgerschaft an. 1996 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz. Und 2012 nahm sie – auf Vorschlag der CDU – an der Wahl des Bundespräsidenten teil. Die Gedenkveranstaltungen an den Jahrestagen sind Mevlüde Genc besonders wichtig. „Gerade weil wir das Jahr über nicht oft über den Brandanschlag sprechen“, sagt sie. Sie wolle ihre Kinder und Enkelkinder nicht allzu sehr belasten, und ihr Mann habe schon seit einiger Zeit ein Herzleiden. „Aber die Jahrestage sind für mich und meine Familie keine Belastung, im Gegenteil. Wir können ja nicht mehr die Geburtstage unserer Kinder begehen; dafür denken wir am 29. Mai an sie. Und es tut uns gut, dass so viele andere Menschen daran teilhaben.“

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