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Terrorismusforschung : Wer ist der Attentäter von Halle?

  • Aktualisiert am

Polizisten überführen den Täter Stephan B. zum Ermittlungsrichter am Bundesgerichtshof in Karlsruhe. Bild: EPA

Stephan B. schwafelte von einer „zionistisch besetzten Regierung“ und sah „den Juden“ als Wurzel allen Übels. Aber sein Verhalten war „untypisch für deutsche Neonazis“, sagt ein Terrorismusexperte.

          3 Min.

          Einer der ersten Sätze, mit denen sich der Rechtsterrorist Stephan B. der Weltöffentlichkeit vorstellt, lautet: „Scheiß drauf.“ Es ist ein verstörendes, grausames Video, das der Attentäter von Halle live im Internet übertrug. Aber es ist ebenso ein Dokument seines umfassenden Scheiterns.

          Erst kann B. seine Helmkamera nicht bedienen, dann schafft er es nicht, die Tür der Synagoge aufzubrechen. Seine Waffen haben Ladehemmung, immer wieder flucht er, sagt „verkackt“, „Fuck“, „Scheiße“, „Mist“. Er nennt sich einen „Versager“, einen „kompletten Verlierer“. Wer ist der Mann, der in Halle zwei Menschen ermordet und mehrere verletzt hat?

          B. wird 1992 geboren. Er wächst in der Nähe der Lutherstadt Eisleben auf, keine Stunde vom Ort des Anschlags entfernt. Sein Vater sagte der „Bild“-Zeitung, sein Sohn sei ein Eigenbrötler: „Er war weder mit sich noch mit der Welt im Reinen, gab immer allen anderen die Schuld.“ Die Zeitung berichtet, B. habe in Halle Chemie studiert, aber nach zwei Semestern abgebrochen. Zuletzt habe er als Rundfunktechniker gearbeitet.

          „Untypisch für deutsche Neonazis“

          Von Verstößen gegen das Gesetz wussten die Behörden bis jetzt nichts, weder in seiner Jugend noch als Erwachsener. Kein Eintrag als Rechtsextremist, kein Ladendiebstahl, nichts. Bis B. loszog, um Juden zu ermorden, scheint er der Polizei nie aufgefallen zu sein.

          Mit vier Kilo Sprengstoff, mit selbstgebastelten Schnellfeuergewehren und Schrotflinten fuhr B. am Mittwoch zum Ziel seines Anschlags: der Synagoge. Monatelang muss er an seinen Waffen und den Bomben gebastelt haben.

          Die Karte zeigt die Stationen des Attentäters von Halle.

          So zusammengewürfelt wie sein Waffenarsenal ist offenbar auch sein Weltbild. In einem elf Seiten langen „Manifest“, das er vor der Tat veröffentlichte, legt er seine Gedanken dar – auf Englisch, um möglichst viel Verbreitung zu erlangen. Der Text liest sich stellenweise wie die Anleitung zu einem Computerspiel, lakonisch-lapidar geht es um „Ziele“, „Ergebnisse“, „Bonus“. Gemeint ist: Massenmord.

          In dem Dokument wimmelt es vor antisemitischen Begriffen. B. spricht etwa von einer „zionistisch besetzten Regierung“ – ein klassischer judenfeindlicher Begriff aus der rechtsextremen Szene. Eigentlich habe er zunächst eine Moschee oder ein Antifa-Zentrum attackieren wollen, schreibt B., habe sich aber dann entschieden, doch lieber so viele Juden wie möglich zu töten.

          Am Londoner Zentrum zur Erforschung von Radikalisierung und politischer Gewalt werden die Anschläge und Verhaltensmuster von Terroristen seit Jahren erforscht. Ihr Gründer ist der deutsche Sicherheitswissenschaftler Peter Neumann. Er sieht beim Attentäter von Halle dasselbe Muster wie bei zahlreichen Terroranschlägen, die Islamisten und Rechtsextremisten in den vergangenen Jahren verübten. Dennoch hat der Anschlag für ihn eine neue Qualität. „Das Verhalten ist untypisch für deutsche Neonazis“, sagt Neumann. Dafür spreche etwa, dass B. sein rassistisches Manifest auf Englisch verfasst und bei der Aufzeichnung seiner Tat Englisch gesprochen habe. Mit seinem Amoklauf habe B. offenkundig nicht in erster Linie versucht, rechtsextreme deutsche Kameradschaften zu beeindrucken, sagt Neumann. Vielmehr bestehe kein Zweifel daran, dass B. tief in der virtuellen Subkultur internationaler rechter Netzwerke und der mit ihr teils verknüpften Gamer-Szene verankert gewesen sei. Dafür spreche auch, dass er viele in der Gamer-Szene typische Begriffe wie „total fail“ und „total loser“ verwendet habe.

          „Der Jude“ als Wurzel allen Übels

          An traditionelle rechtsextreme Zirkel muss einer wie B. gar keinen Anschluss haben, sagt Juliane Wetzel vom Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin. „Das ist in Zeiten des Internets gar nicht mehr nötig“: Die Extremisten holten sich aus dem Netz, „was ihnen in den Kram passt“.

          Im Video seiner Tat nennt sich B. „Anon“. Er leugnet den Holocaust, wütet gegen den Feminismus – und bezeichnet „den Juden“ als Wurzel allen Übels. Im Hintergrund läuft kein Rechtsrock, wie man ihn von Neonazi-Festivals kennt. B. hört Musik aus japanischen Zeichentrickserien. Die sogenannten Animes, „teils auch pornografisch, sind sehr geläufig in dieser antifeministischen Online-Kultur“, sagt Neumann. Die Ausdrucksweise von B. zeige, dass er intensiv in der rechten Internetszene unterwegs gewesen sein müsse, in Message-Foren wie 4chan und 8chan. Es sind anarchische Foren, die auch bei Rassisten beliebt sind.

          Auffällig ist an B. die Diskrepanz zwischen seinem guten geschriebenen Englisch und dem miserablen gesprochen in dem Video der Tat. Es deutet darauf hin, dass B. sich all die Formulierungen, vor allem die Szene-Ausdrücke, in Internetforen angeeignet hat. „Viele der jungen Männer, die dort unterwegs sind, bezeichnen sich selbst als Loser, weil sie keine Frau abbekommen haben oder weil sie im Leben nicht erfolgreich sind“, sagt Neumann.

          Der Terrorismusforscher fürchtet, dass sich für die deutschen Sicherheitsbehörden damit ein neuer Typus potentieller Attentäter zeige, mit dem sie bis dato nur selten konfrontiert gewesen seien. Die Verfassungsschutzbehörden müssten ihre Augen ebenso auf diese virtuellen Netzwerke richten wie auf real existierende Zusammenschlüsse von Rechtsextremisten. Das stellt die Behörden vor eine ungleich größere Herausforderung. Täter wie B. sind einsame Wölfe. Sie zeigen sich oft erst dann, wenn es fast schon zu spät ist.

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