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Verbrannter Asylbewerber : Wurde Oury Jalloh wirklich ermordet?

Eine Demonstration zum zehnten Todestag Oury Jalloh s im Januar 2015 in Dessau-Roßlau Bild: dpa

Was passierte vor bald 13 Jahren in der Dessauer Polizeizelle, in der Oury Jalloh starb – ein Asylbewerber aus Sierra Leone? Öffentlich gewordene Ermittlungsakten sind Anlass für neue Vorwürfe gegen die Ermittler.

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          Mehr als zwölf Jahre ist es her, dass der Asylbewerber Oury Jalloh in Gewahrsam in einer Polizeizelle verbrannt ist. Doch die Spekulationen darüber, was damals wirklich geschah, reißen nicht ab. Jetzt heißt es in einem Bericht des ARD-Magazins „Monitor“, das auf die Ermittlungsakten verweist: Jalloh wurde mit hoher Wahrscheinlichkeit getötet. Trotzdem wurde das Verfahren eingestellt. Ein Skandal aus Sicht der Hinterbliebenen, linker Initiativen und vieler Politiker. Das zugegebenermaßen unbefriedigende Ergebnis eines rechtsstaatlichen Verfahrens aus Sicht der zuständigen Staatsanwaltschaft.

          Leonie Feuerbach
          Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Der Fall ist ausgesprochen kompliziert. Tatsächlich kamen mehrere Sachverständige nach den jüngsten Gutachten und Brandversuchen zu dem Schluss, dass ein Tod durch Fremdeinwirkung wahrscheinlicher sei als die These einer Selbstanzündung. Das reicht nach Angaben von Halles leitender Oberstaatsanwältin Heike Geyer aber nicht aus, um den Fall wieder neu aufzurollen. Die Selbstanzündung müsse dafür ausgeschlossen werden können. Das sei aber nicht der Fall, sagte sie gegenüber FAZ.NET.

          „Monitor“ beruft sich in seinem Bericht auf ein Schreiben des damals mit dem Fall betrauten leitenden Oberstaatsanwalt Folker Bittmann von der Dessauer Staatsanwaltschaft vom April. Aus diesem gehe hervor, dass Bittmann es für wahrscheinlich halte, dass Jalloh bereits vor Ausbruch des Feuers mindestens handlungsunfähig oder sogar schon tot war und mit Brandbeschleuniger besprüht und angezündet wurde. Er nennt wohl sogar konkrete Verdächtige aus den Reihen der Dessauer Polizeibeamten.

          Keine sicheren Erkenntnisse

          Bittmann selbst war für FAZ.NET nicht zu erreichen. Geyer sagte, sie kenne den Vermerk Bittmanns, teile seine Einschätzung aber nicht. In Halle sei man auf Grundlage der dorthin überstellten Ermittlungsakten zu anderen Schlussfolgerungen gekommen. Dort stellte man die Ermittlungen im Oktober ein. Wörtlich hieß es in Geyers Erklärung damals, es gebe „keine ausreichenden tatsächlichen Anhaltspunkte für eine Beteiligung Dritter an der Brandlegung“, weshalb eine weitere Aufklärung nicht zu erwarten sei.

          Die Auswertung der zahlreichen Gutachten lasse nur den Schluss zu, dass der konkrete Ausbruch des Brands, dessen Verlauf und das Verhalten Jallohs „nicht sicher nachgestellt und nicht eindeutig bewertet werden können“, hieß es. Auch der von zwei verschiedenen Sachverständigen geleitete Brandversuch vom August 2016 habe keine sicheren Erkenntnisse erbracht.

          Im „Monitor“-Bericht hingegen heißt es, die im Jahr 2016 von der Staatsanwaltschaft Dessau beauftragten Experten hätten ausgeführt, dass sich der Zustand der Zelle und des Leichnams Jallohs nach dem Brand nicht ohne Einsatz geringer Mengen von Brandbeschleuniger wie etwa Leichtbenzin erklären lasse. Jalloh sei vermutlich bei Brandbeginn komplett handlungsunfähig oder sogar bereits tot gewesen. Geyer wies das im Gespräch mit FAZ.NET zurück und betonte, die Akten seien nicht öffentlich und hätten eigentlich nicht an die Redaktion von Monitor gelangen dürfen.

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