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Fall Mannichl : Für die NPD ist der Polizeichef ein Feind

  • -Aktualisiert am

Ein NPD-Anhänger bei einer Demonstration in Oldenburg im September 2005 Bild: AP

Mit einer Lichterkette wollen die Einwohner von Fürstenzell gegen rechte Gewalt protestieren. Auch Polizeichef Alois Mannichl wollte das Treiben der Rechtsextremisten nicht hinnehmen. Ihn hatte die NPD schon lange im Visier.

          Die Reihenhäuser in der Ringstraße leuchten abends in vorweihnachtlichem Glanz. Vor den Eingängen haben Bewohner Lichterketten und Christbaumkugeln an Bäume und Tannenzweige gehängt. In einigen Häusern sind Zahlen an Fenstern oder Türen angebracht. Hausnummer 51 hat eine 7, Nummer 57 eine 9, Nummer 37 eine 2. Es ist ein begehbarer Weihnachtskalender. Jeden Tag ist eine andere Familie dran, die Bewohner der Straße im niederbayrischen Fürstenzell mit Adventsgaben zu erfreuen. Im Fenster von Haus 43 hängt ein Plakat mit Schneemännern und der Nummer 10. Dort wohnt Familie Mannichl. Das schneebedeckte Auto von Frau Mannichl steht davor. „Ambulanter Pflegedienst Fürstenzell“ steht darauf. Das Haus kennt viele Besucher.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Drei Tage nachdem die Mannichls ihren Adventskalendertag hatten, kommt ein ungebetener Gast. Es ist Samstagabend gegen halb sechs. Er klingelt. Dann sticht er Alois Mannichl in die Brust. Das 24 Zentimeter lange Messer gehört dem Opfer, dem Polizeidirektor von Passau. Es soll auf dem Fensterbrett gelegen haben, angeblich noch vom Lebkuchenschneiden.

          „Du linke Bullensau“

          Der Stich geht zwei Zentimeter unter das Herz. Der Mann, so berichtet Mannichl, habe gesagt: „Schöne Grüße vom nationalen Widerstand. Du linke Bullensau, du trampelst nimmer auf den Gräbern unserer Kameraden herum.“ Der 25 bis 35 Jahre alte Täter, nach Mannichls Angaben 1,90 Meter groß und barhäuptig, mit einer Tätowierung oder einem Muttermal am Hals, ist flüchtig. 50 Beamte der „Soko Fürstenzell“ fahnden seit einer Woche nach ihm. Auch in Österreich wird nach ihm gesucht. Ein zweiter Mann, ebenso glatzköpfig, mit einer tätowierten Schlange hinter dem linken Ohr, steht auf der Fahndungsliste. Vielleicht ist er derselbe, den der Polizeidirektor beschrieben hat.

          Im Visier der Rechten: Polizeidirektor Alois Mannichl

          Vieles an dem Fall bleibt einstweilen unklar. Wusste der Täter, dass der Polizeidirektor öffnen würde? Dass dort ein Messer liegt? Hatte er es vorher entwendet? Manches spricht gegen eine lange geplante Tat. Doch dass ein Rechtsextremist einen Polizisten zu Hause aufsucht und attackiert, wäre ein bisher einmaliger Vorfall. Gehen Neonazis nun mit Terrorattacken gegen Symbolfiguren des Staates vor? Ist „eine neue Dimension von Gewalt“ von Rechtsaußen erreicht? Zumindest lautet so die Auffassung, wie sie Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer und sein Innenminister Joachim Hermann, beide CSU, verkünden, die Mannichl am Krankenbett besuchen.

          Die Marktgemeinde Fürstenzell hat knapp 8000 Einwohner, bis Passau sind es 15 Kilometer. Die Ringstraße liegt erhöht am Rand der Stadt, unten an der Passauer Straße liegt Traudls Café. Es ist ein schmutziggelbes Haus. Nur die Aufschrift „Café“ auf einem Fenster deutet darauf hin, dass es kein normales Wohnhaus ist. Wenn man läutet, macht niemand auf.

          „Da ist zu, da haben sich immer die Braunen getroffen“, sagt eine ältere Passantin. Im Café hält die NPD einen nationalen Stammtisch ab. Fünf bis zehn Personen, mal zwanzig versammeln sich dort. Wenn Prominenz anreist, etwa die Bundesspitze der NPD, sind es einige Dutzend. Die kämen von auswärts, Nord- und Ostdeutsche und Österreicher, sagt Ludwig Danner, der dritte Bürgermeister, im wenige Schritte entfernten Rathaus. „Nein“, widerspricht ihm die CSU-Stadträtin Ursula Berchthold, „einige von unseren waren da auch schon.“ Im Sommer, als sie bei Franco, dem benachbarten Italiener, Eis gegessen habe, habe sie Gäste gesehen. Traurige, blutleere Gestalten seien das.

          Das Treiben der Rechten wollte er nicht hinnehmen

          Die Besitzerin des Cafés soll mit einem Sympathisanten der Rechtsextremen liiert sein. „Ideologisch steht sie heute voll hinter uns“, sagt Martin Gabling. Der Endvierziger ist der NPD-Chef der Gegend. Zu seinem Kreisverband Passau zählen rund 25 Personen. Viele Junge sind dabei, wie es in der NPD üblich ist, seit der Vorsitzende Udo Voigt die Partei vor mehr als einem Jahrzehnt für Neonazis und Kameradschaften öffnete. Eine freie Kameradschaft gibt es in Passau nicht. Die ist in der NPD aufgegangen. In der Drei-Flüsse-Stadt kriegt die NPD, die 1,27 Prozent bei der Wahl holte, keine Gastwirtschaft mehr für Veranstaltungen. „Wir haben mit den Wirten geredet, manche auch eingeschüchtert“, sagt Oberbürgermeister Jürgen Dupper von der SPD.

          Sicher ist: Alois Mannichl wollte das Treiben der Rechtsextremisten nicht hinnehmen. Nicht in Passau, wo sich NPD und DVU bis zum Abriss der Nibelungenhalle vor vier Jahren jahrzehntelang zu ihren Parteitagen getroffen hatten und die Polizei in den neunziger Jahren Straßenschlachten mit den linken Autonomen verhindern musste. Und nicht in seinem Heimatort Fürstenzell. Er macht den Kampf gegen die rechte Szene zu seiner persönlichen Sache. Für die NPD wird dieser Polizeichef zum Feindbild. „Er hat immer maßlos überzogen, hat Straßensperren errichtet und eine Hundertschaft in Gang gesetzt, wenn wir 15 Leute waren“, beschwert sich NPD-Mann Gabling. Die Internet-Seite der NPD Passau, die Gabling verantwortet, greift Mannichl immer wieder an.

          Zuletzt geraten Gabling und der Polizeidirektor am 16. November, dem Volkstrauertag, aneinander. Die NPD marschiert auf einer Gedenkveranstaltung für die Gefallenen der Weltkriege auf dem Passauer Innstadtfriedhof auf, Mannichl ist mit seinen Leuten da, postiert sich genau vor Gabling, der stellt sich dann wieder vor den Polizeichef. Gabling behauptet am nächsten Tag auf der Internetseite: „Sichtlich verärgert, stellte sich nun Mannichl auf eine Grabplatte gefallener Soldaten und trampelt mit seinen Schuhen auf einem Gedenkgesteck herum.“ Mannichl erwirkt dagegen eine einstweilige Verfügung.

          „Reichsgründungsfeier“ im „Bayrisch Venedig“

          Vorausgegangen war im Sommer eine heftige Auseinandersetzung zwischen Mannichl und der rechtsextremen Szene. Am 26. Juli kommen etwa 90 Personen, darunter NPD-Chef Voigt, zur „Totenleite“, sprich Beerdigung von Friedhelm Busse nach Passau. Busse war ein Veteran der rechtsextremistischen Szene. Mit 16 hatte er sich freiwillig zur SS gemeldet. Er wird wegen seiner Radikalität in den siebziger Jahren aus der NPD ausgeschlossen, sitzt wegen Beihilfe bei einem Banküberfall und wegen Volksverhetzung im Gefängnis. Busse hatte vor wenigen Jahren die Mutter seiner Passauer Anwältin geheiratet. Die Beziehung dauert nur wenige Wochen, doch Busse bleibt in Passau.

          Dort gerät Mannichl mit ihm aneinander, als Busse am 20. Januar 2007 eine „Reichsgründungsfeier“ der NPD im Lokal „Bayrisch Venedig“ besuchen will. Weil er eine Polizeisperre missachtet, lässt Mannichl ihn nicht in das Lokal, befördert ihn zurück ins Auto. Busse klagt gegen Mannichl. Das Treffen zur Reichsgründung soll der Immobilienmakler Günther Resch Senior, der seit langem in Passau bei DVU, NPD und nationalistischen Burschenschaften mitmischt, als „Geburtstagsfeier“ angemeldet haben.

          NPD-Chef Voigt hält also an Busses Grab eine Rede, und der Hamburger Neonazi Thomas Wulff, der sich „Steiner“ nennt, legt eine verbotene SS-Reichskriegsflagge mit Hakenkreuz auf den Sarg. Mannichl nimmt ihn fest. Die Staatsanwaltschaft lässt die Flagge zwei Tage nach der Beerdigung als Beweisstück für ein Strafverfahren gegen Wulff „exhumieren“. Als ein Mann, der die Teilnehmer der Beerdigung fotografiert, von den Rechtsextremisten angegriffen wird, nimmt Mannichl mehrere Leute in Gewahrsam. Daraufhin ziehen etwa 30 Rechtsextremisten vor die Polizeiwache und als „Spontandemonstration“ durch die Passauer Innenstadt. Dabei wird eine asiatisch aussehende Frau von einem Rechtsextremisten ins Gesicht geschlagen.

          Stiller Protest

          An der Spitze des Demonstrationszuges läuft der 33 Jahre alte Manuel H. mit. Er und seine 22 Jahre alte Frau Sabrina H. werden am Dienstag in Münchner Stadtteil Sendling als mögliche Tatbeteiligte festgenommen, einen Tag später wird Haftbefehl gegen sie erlassen. Sabrina H. soll am Tattag in Fürstenzell gesehen worden sein. Das Pärchen gehört zu den „Autonomen Nationalisten“, jungen Rechtsextremen, die sich wie die linken Autonomen kleiden, denen die NPD eher zu lasch ist und die als besonders gewaltbereit gelten. Sie haben in jüngster Zeit Zulauf.

          Alois Mannichl ist seit Freitag wieder zuhause in der Ringstraße. Er werde, so hat er beim Verlassen des Krankenhauses gesagt, weiter gegen Rechtsextremisten vorgehen. An diesem Montag wollen die Fürstenzeller mit einer Lichterkette stillen Protest gegen Gewalt üben.

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