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Tödliche Attacke in Köthen : Die Folgen ihrer Brutalität

Im Gerichtssaal: Die beiden angeklagten Afghanen verstecken sich vor den Fotografen. Bild: dpa

In Köthen stirbt ein junger Mann nach einer Auseinandersetzung mit Flüchtlingen an einer Herzattacke. Welche Schuld die Angreifer an seinem Tod haben, hat das Gericht nun entschieden.

          Kurz nach dem „Fall Chemnitz“ hatte im vergangenen Spätsommer der „Fall Köthen“ die Schlagzeilen bestimmt: In beiden Städten war ein junger Mann infolge einer Auseinandersetzung mit Flüchtlingen gestorben und in beiden Städten folgten eine beispiellose Erregung sowie rechtsextreme Aufmärsche.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Im Fall des sachsen-anhaltischen Köthen hat das Landgericht Dessau-Roßlau am Freitag nun die Urteile gegen die beiden 19 und 17 Jahre alten Angeklagten aus Afghanistan verkündet: Die beiden Afghanen wurden wegen Körperverletzung mit Todesfolge verurteilt. Das Opfer war ein 22 Jahre alter Deutscher. Der Ältere wurde zu einer Strafe von einem Jahr und acht Monaten verurteilt, zusätzlich muss er wegen seiner Alkoholsucht in eine Entziehungsanstalt. Der jüngere Angeklagte wurde, ebenfalls nach Jugendstrafrecht, zu einer Strafe von einem Jahr und fünf Monaten verurteilt. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig und der Haftbefehl gegen die beiden Männer, die in Untersuchungshaft sitzen, wird aufrecht erhalten. Die Richterin sagte, das Verhalten der jungen Männer zeuge von fehlender Achtung vor dem menschlichen Leben.

          Die Aufarbeitung des Tathergangs am 8. September hatte sich im Prozessverlauf als schwierig erwiesen. Vor der eigentlichen Tat war es auf dem Spielplatz in Köthen zunächst unter rund fünf Afghanen zu einer Auseinandersetzung darüber gekommen, wer von ihnen eine junge Deutsche geschwängert habe. Die jungen Männer gingen dabei mit Holzlatten und Bierflaschen aufeinander los. Daraufhin kam das Opfer hinzu, nach Auffassung der Staatsanwaltschaft, um den Streit zu schlichten. Darüber was dann passierte, gab es im Prozessverlauf sehr unterschiedliche Aussagen. Ein Zeuge sprach von vier Tritten auf den bereits leblos am Boden liegenden Mann, korrigierte seine Darstellung aber nach dem Hinweis der Richterin, dass er für falsche Angaben belangt werden könne. Nun sagte er, er habe über die Tritte lediglich von anderen gehört.

          Das Gericht ging im Ergebnis davon aus, dass der 19 Jahre alte Afghane dem Deutschen einen heftigen Stoß gegen die Brust versetzte und dieser, ohne dass er sich abstützen konnte, zu Boden fiel. Der jüngere Afghane versetze ihm dann noch „stampfend, aber nicht kraftvoll“ einen Tritt in das Gesicht. Verletzungen infolge von schweren Schlägen oder Tritten konnten Gerichtsmediziner bei dem Opfer aber nicht feststellen. Als Todesursache stellte sich vielmehr ein Herzstillstand heraus. Das Opfer litt unter einem angeborenen und schwerwiegenden Herzfehler. Unklar blieb, inwieweit ein direkter medizinischer Zusammenhang zwischen der Attacke und dem unmittelbar darauf folgenden Tod bestand. Die Gutachter kamen zu dem Ergebnis, dass der Stress durch den Angriff die Herzattacke mit ausgelöst haben könnte. Schädlich könnte sich auch ausgewirkt haben, dass das Opfer mit 2,4 Promille stark alkoholisiert war. Getrunken hatten allerdings auch die Angeklagten, bei dem Älteren wurden zwei Promille gemessen. Für das Urteil war aber entscheidend, dass sie vom Herzfehler ihres Opfers nicht wissen konnten. Die Angehörigen des Toten reagierten auf den Richterspruch mit Unverständnis. Im Gerichtssaal warfen die Brüder des Verstorbenen Bänke um, sodass die Verkündigung des Urteils unterbrochen werden musste.

          Politische Brisanz bekam der Köthener Fall, weil zum Zeitpunkt der Tat nur der jüngere der beiden Afghanen eine gültige Aufenthaltserlaubnis hatte. Beide waren als unbegleitete minderjährige Flüchtlinge nach Deutschland gekommen. Im April 2018 beantragte die Ausländerbehörde die Abschiebung des Neunzehnjährigen. Wegen eines Ermittlungsverfahrens gegen ihn wegen Körperverletzung wurde dieses jedoch abgelehnt. Einen weiteren Antrag auf Abschiebung des Landkreises Anhalt-Bitterfeld Ende August genehmigte die Staatsanwaltschaft, allerdings erst kurz vor der Auseinandersetzung auf dem Spielplatz in Köthen.

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