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Todesfall in Köthen : Bloß kein zweites Chemnitz

  • -Aktualisiert am

Trauermarsch am Sonntagabend in der Köthener Innenstadt Bild: dpa

In Köthen ist die Stimmung nach dem Tod eines 22-Jährigen angespannt. Neonazis demonstrieren, Anwohner werden von Kamerateams belagert. Kann man so trauern?

          Gegen Ausländer habe sie nichts, sagt die Frau mit der bunten Bluse in Köthen. Sie habe zum Beispiel nichts gegen Türken oder Griechen. Sie fahre ja selbst gerne ins Ausland. „Aber gegen solche jungen Männer, die nur Blödsinn machen, habe ich schon etwas. Das wird die Merkel noch das Amt kosten. Alle und jeden hier reinlassen? Das gibt noch einen Flächenbrand!“ Früher, sagt die Frau, sei sie noch durch Parkanlagen gelaufen, zum Kino, wenn ihr danach war. Heute nicht mehr. Die Angst, sei zu groß geworden, auch wenn sie selbst noch nichts Schlimmes erlebt habe. Zu viele Flüchtlinge hätten keine Arbeit und kämen auf dumme Gedanken, sagt die Frau auf der Köthener Franzstraße, der Tatort ist nur wenige Meter entfernt.

          Dort, auf einem Spielplatz, haben Trauernde um einen Baum herum viele Kerzen aufgestellt und Blumen niedergelegt. Die meisten der Teelichter vom Vortag sind schon abgebrannt. Seit dem Todesfall vom Wochenende geht in Köthen die Angst um. Die Angst vor Flüchtlingen auf der einen Seite, die Angst vor einem zweiten Chemnitz mit Ausschreitungen von Rechtsextremen auf der anderen. Mit einem Male steht Köthen, gelegen zwischen Magdeburg und Halle (Saale), in einer Reihe mit Orten wie Freiburg, Kandel, Wiesbaden, Chemnitz. Und es gibt eine Partei, die sich Alternative nennt, und davon profitieren will.

          Enrico Schlimme, ein junger Mann aus der Nachbarschaft, hat den Toten flüchtig gekannt – und seine Meinung steht für die von vielen im Ort. „Seitdem die Asylanten da sind, sind wir bestraft“, sagt er. „Wir gehen arbeiten und zahlen Steuern für die mit. Abends alleine auf die Straße kann man sich nicht mehr trauen. Wenn ich mal eine Gruppe Flüchtlinge sehe, halte ich mich schon fern.“ Auch wenn er sagt, es sei nicht jeder Asylbewerber so wie die mutmaßlichen Täter von Köthen. „Markus wollte schlichten – das war sein Todesurteil“, sagt er mit belegter Stimme. Hinter ihm, in einem gelben Wohnhaus, schiebt eine Dame interessiert den Kopf durch die Gardinen hindurch und schaut eine Weile auf den Platz, auf dem sich der Streit abgespielt hatte. Nur wenige Passanten kommen vorbei. Und diejenigen, die kommen, werden schnell von Kameraleuten umlagert, die aus der ganzen Bundesrepublik angereist sind.

          Der Tote hatte keine lebensgefährlichen Verletzungen

          Noch gibt es viele Gerüchte, was in der Nacht zum Sonntag auf dem Spielplatz passiert ist. Sicher ist nur, dass eine gewalttätige Auseinandersetzung zwischen mindestens zwei Afghanen und mindestens zwei Deutschen stattgefunden hat. Und dass einer der Deutschen dabei an einem Herzinfarkt starb, weil er laut dem Ergebnis der Obduktion an einer schweren Herzerkrankung litt. Lebensgefährliche Verletzungen hatte er nicht, aber ohne die Auseinandersetzung würde er wohl noch leben. Den Behörden zufolge soll es in der Auseinandersetzung um eine schwangere Deutsche gegangen sein – und um die Frage, wer der Vater des Kindes ist.

          Die Blumen und Kerzen auf dem Spielplatz, an dem der 22-Jährige verstarb.

          Laut einem Bericht der „Bild“-Zeitung soll es sich bei der Schwangeren um Kristina C. handeln, eine arbeitslose Frau aus Köthen. Sie soll eine Beziehung mit einem der Afghanen gehabt haben, in einer Beziehungspause aber Sex mit einem anderen Afghanen gehabt haben. Als sie wieder mit ihrem früheren Freund zusammenkam, habe sie gemerkt, dass sie schwanger ist. Weil sie annahm, das Kind sei in der Beziehungspause entstanden, machte sie abermals mit ihrem Freund Schluss. Zwei Freunde von diesem, der 18 Jahre alte Hotak H. und der 20 Jahre alte Ezatullah M. seien dann in der Nacht zum Sonntag auf den Afghanen losgegangen, der der mutmaßliche Vater des Kindes ist. Dem Bericht zufolge sollen Markus B. und sein Bruder – der den Behörden als Rechtsextremist aufgefallen ist – hinzugekommen sein, um den Streit zu schlichten. Hotak H. soll dem Bericht zufolge auf Markus B. eingeschlagen und Ezatullah M. auf den Kopf des am Boden liegende Mannes eingetreten haben. Die Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau wollte gegenüber dieser Zeitung weder die Namen bestätigen noch etwas zum Tathergang sagen. Dies sei Gegenstand der Ermittlung, hieß es. Bei beiden Afghanen wurden noch am Sonntagabend wegen des Verdachts der Körperverletzung mit Todesfolge in Untersuchungshaft genommen.

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