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Fall Gurlitt : Ein abschreckendes Beispiel

Das weite Feld der Wiedergutmachung kann kaum jemand ohne Gefahr betreten. Darum schlug der Fall Gurlitt so hohe Wellen. Doch nach so langer Zeit kann der Versuch der Wiedergutmachung auch zu neuem Unrecht führen.

          Ganz so schlimm war es dann doch nicht. Im Fall Gurlitt kann offenbar Entwarnung gegeben werden. Der vermeintlich riesige Raubkunst-Fund ist arg zusammengeschrumpft, nachdem bisher kaum jemand Ansprüche auf jene vielen Bilder angemeldet hat, die sich in einer kleinen Münchner Wohnung fanden. Die Wellen aber, die der Fall schlug, wirken immer noch. Denn es geht um das weite Feld der Wiedergutmachung von historischem Unrecht, das kaum jemand gefahrlos betreten kann.

          Zeitweise konnte man den Eindruck gewinnen, als gebe es kein größeres Verbrechen, als ein Kunstwerk zu besitzen, das einst seinem Eigentümer zu NS-Zeiten abgepresst worden war. Nun ist es müßig und auch historisch zu einfach, darauf zu verweisen, dass die Geschichte von Kunst und Kunsthandel immer auch eine von Raub und Erwerb (und Fälschung) war. Richtig ist auch das Bemühen, gerade das (eben noch nicht so lange zurückliegende) nationalsozialistische Unrecht dort „wiedergutzumachen“, wo das möglich ist.

          Verjährung nicht ohne Grund

          Im Rahmen des Möglichen heißt heute freilich auch: des rechtlich Möglichen. Natürlich kann der Gesetzgeber diesen Rahmen ändern – Bayern hat dazu mit seiner „Lex Gurlitt“ einen Vorstoß unternommen. Herausgekommen jedoch ist ein abschreckendes Beispiel von Einzelfall-Aktionismus mit Rückwirkung, um ja auf der moralisch richtigen Seite zu stehen.

          Denn nicht ohne Grund gibt es die Verjährung. Sie zieht einen Schlussstrich – allein durch Zeitablauf. Mord verjährt niemals, das ist eine richtige und wichtige Folge der NS-Zeit. Aber soll das allen Ernstes auch für zivilrechtliche Herausgabeansprüche gelten? Sollen Erben ewig über Raubkunst prozessieren, mit schwierigen Nachweisproblemen, was wer über den Erwerb von Kunstwerken wusste? Schon jetzt kann es unzulässig sein, sich in bestimmten Fällen auf Verjährung zu berufen. Aber grundsätzlich muss irgendwann Schluss sein. Im Interesse des Rechtsfriedens.

          Dahinter steht auch der Gedanke, dass der Versuch einer Wiedergutmachung nach langer Zeit zu neuem Unrecht führen kann. Das ist ein zivilisatorischer Grundsatz, der sogar für Täter gilt, die sich an der Zivilisation vergangen haben. Er gilt erst recht für Kunst. Sie mag für die Ewigkeit sein, ihr Besitz folgt irdischen Regeln.

          Reinhard Müller

          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“ und F.A.Z. Einspruch, zuständig für „Staat und Recht“.

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