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Gekaufte Fake News : Das Netz ist ein Einkaufsparadies für Hetzer

Schneller Hass mit wenig Klicks: Im Internet gibt es viel Hetze für wenig Geld Bild: dpa

Eine Handvoll Rubel reicht schon: Im Internet stehen Hunderttausende bereit, um Fake News zu verbreiten. Sie wollen nur etwas Geld dafür. Doch das Geschäftsmodell könnte schnell in sich zusammenbrechen.

          Es ist ein Supermarkt nach dem Geschmack von Autokraten. Die Dienste eines Menschen kosten einen Rubel und 60 Kopeken, das sind zwei Cent. So viel muss im Internet bezahlt werden, damit jemand einen fingierten Kommentar unter einem Youtube-Video hinterlässt – zum Beispiel einem Video von Bundeskanzlerin Angela Merkel, unter dem dann ein vermeintlicher Bürger notiert: „Merkel ist eine Volksverräterin!“ Das wäre ein kleiner Versuch der Manipulation.

          Justus Bender

          Redakteur in der Politik.

          Eckart Lohse

          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Mit größerem Geldbeutel kämen schnell robustere Methoden zum Einsatz, zum Beispiel zwanzig Anti-Merkel-Videos, die durch massenhaftes Klicken bis auf die Startseite von Youtube befördert und dort zwei Minuten lang gehalten werden. Kostenpunkt: 7136 Euro, zahlbar in Rubel. Die Hauptseite von Youtube ist einer der zentralen Orte des Internets, Zehntausende Menschen würden die Anti-Merkel-Videos sehen, und sie in sozialen Netzwerken ihren Freunden zeigen. Zwanzig Videos für zwei Minuten könnten reichen, um im Schneeballsystem eine Lawine der Aufmerksamkeit zu schaffen.

          Ein Heer bezahlter Helfer

          Selbst das wäre noch eine Kleinigkeit. Wohlhabende können sich eine Kampagne im Großformat leisten, etwa vor einer wichtigen Wahl. Für mehrere Hunderttausend Euro würden russische Anbieter wie Topsoc, Smofast, Vtope, Kwoki, like4u oder Zismo schwere Geschütze auffahren. Zum Beispiel: Fünf Nachrichtenseiten im Internet, alle bestückt mit gefälschten Nachrichten, sogenannten Fake News, redigiert von professionellen Manipulatoren. Ein Heer bezahlter Helfer würde die gefälschten Artikel in allen großen Netzwerken teilen und den Algorithmen vorgaukeln, es handele sich um besonders beliebte und wichtige Inhalte. Es wären nicht zwei Dutzend Helfer, sondern Tausende, jeden Tag. So könnte das gehen, zwölf Monate lang. Preis: 357 000 Euro. Politische Kampagnen im Internet werden oft den Geheimdiensten fremder Mächte zugeschrieben. Aber man kann sie als Privatperson kaufen. Armeen von Meinungsmanipulatoren warten im Internet auf ihren Einsatz. Man muss sie nur bezahlen.

          Spätestens seit Donald Trump sich ins Weiße Haus getwittert hat und von dort aus die Welt ohne Unterlass des Lügens zeiht, ist der Begriff Fake News ins Vokabular der Internet nutzenden Weltgemeinschaft vorgedrungen. Natürlich wurde Politik schon vor der Erfindung des Netzes mit falschen Nachrichten gemacht, aber im Computerzeitalter ist deren massenhafte Verbreitung besonders einfach und billig geworden. Dem Begriff haftet dabei etwas Nebulöses an. Wer macht diese Fake News? Menschen oder Roboter? Kommen sie nur aus Russland oder auch aus anderen Weltregionen? Wer kann sie für seine Zwecke nutzen und wie? Was kostet das? Und wer verdient daran?

          Die Sicherheitsfirma Trend Micro ist diesen Fragen nachgegangen. Das Ergebnis ihres am Dienstag erschienen und mehr als 80 Seiten langen Berichts, der dieser Zeitung vorab vorlag, lautet: Fake News gibt es für jedermann im Internet zu kaufen, und zwar in so unterschiedlichen Regionen wie Russland, China, Indien, im Nahen und Mittleren Osten sowie im englischsprachigen Raum. „Sogar die Errichtung täuschend echter Nachrichtenseiten gehört zum Repertoire der Kriminellen“, heißt es in dem Bericht.

          Trend Micro ist nicht irgendein kleines Forschungsinstitut, sondern ein 1988 in Taiwan gegründetes IT-Sicherheitsunternehmen, das seine Dienstleistungen international verkauft. Die Firma bezeichnet sich als „weltweit führender Cybersicherheitsanbieter“. Seit kurzem ist die Bedeutung des Unternehmens auch in Deutschland gewachsen. Beim Schutz ihrer Netze verlässt sich die Bundesregierung nicht nur auf Behörden, sondern auch auf Privatunternehmen. Die Firma Cancom online, die mit Trend Micro zusammenarbeitet, etwa hat mit der Bundesregierung kürzlich einen Rahmenvertrag geschlossen. Beide sollen die Bundesregierung und ihre Behörden vor Cyberangriffen schützen. Trend Micro wirbt in Deutschland offensiv für seine Fähigkeiten und hat mit Cancom den bisherigen Kooperationspartner der Bundesregierung Symantec in einer Ausschreibung unterboten. Es ist eine hart umkämpfte Branche.

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          Die Regierung hat auch andere Vertragspartner. Die Firma Rohde & Schwarz Cyber Security hilft der Bundesverwaltung zum Beispiel bei der Festplattenverschlüsselung, Oracle Deutschland wirkt bei der Datenverschlüsselung mit. Secunet Security Networks stellt Kryptogeräte bereit und leistet technische Unterstützung bei der Verschlüsselung von Regierungsdokumenten bis zur Kategorie „geheim“. Anders als im militärischen Bereich hat der Staat kein natürliches Monopol auf die Abwehr von Cyberangriffen, er ist auf die Hilfe von Privatunternehmen angewiesen. Mancher Konzern weiß mehr über Computerviren und Cyberkriege als der Geheimdienst eines mittelgroßen Landes.

          In ihrem Bericht beschreiben die Analysten von Trend Micro nicht nur die Preislisten der Fake-News-Anbieter, sondern auch ihre Vorgehensweise. Nicht in Bürokomplexen in Sankt Petersburg und Nanjing sind die Verbreiter von Fake News zu finden, sondern es handelt sich um dezentrale Netzwerke von Privatpersonen, die sich auf diesem Weg ein Zubrot verdienen. Die russische Firma Vtope etwa hat ein Netzwerk von rund zwei Millionen Menschen zu ihrer Verfügung. Sie können Punkte sammeln, indem sie die Aufträge der Kunden erfüllen, zum Beispiel eine bestimmte Seite abonnieren oder einer Facebook-Gruppe beitreten, um ihre Bedeutung zu steigern. Wer viele Punkte gesammelt hat, kann sie für Geld oder eigene Manipulationsaufträge einsetzen. 10.000 Punkte sind rund 19 Euro wert.

          24 Stunden für die Erfüllung der Aufgaben

          Die Firma SMOFast kann ein Heer von rund 500.000 Menschen beauftragen. Die russische Firma like4u weist ihren Internetsöldnern sogar ein Zeitfenster zu, um ihre Aufgaben zu erfüllen. Manche müssen innerhalb von 15 Minuten das tun, was der Kunde will, sonst erhalten sie keine Bezahlung. Andere Nutzer haben für die Erfüllung ihrer Aufgaben auch 24 Stunden Zeit. Es gibt also verschiedene Sorten von Manipulatoren, eine Art schneller Eingreiftruppe und ein stehendes Heer. Für den normalen Internetnutzer ist dieses System nicht erkennbar. Es sieht aus, als hätte ein echter Mensch einen Kommentar hinterlassen oder ein Youtube-Video mit „Gefällt mir“ markiert, damit es in der Hierarchie der Seite nach oben steigt und noch größere Zuschauerquoten erreicht.

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          Manche der Marktplätze sind über das Darknet zu erreichen. Das ist jener Hinterhof des Internets, in dem alle Daten verschlüsselt, anonym und nicht verschlagwortet sind. Wer keinen Wert auf absolute Anonymität legt, kann fast alle der Seiten aber auch über das normale Internet erreichen. Es ist, als würde in der Fußgängerzone der Innenstadt ein Geschäft eröffnen, in dem Manipulationen verkauft werden – vor aller Augen. Tatsächlich ist die Strafbarkeit keineswegs eindeutig. Wer für Geld einen Kommentar unter einem Internetvideo schreibt, macht sich nicht strafbar. Wer unwahre Tatsachenbehauptungen weiterverbreitet, kann auf Unterlassung verklagt werden – vorausgesetzt es gibt einen Geschädigten.

          Als ein Anschlag auf ein Popkonzert in Manchester stattfand, kursierten im Internet zum Beispiel falsche Opferbilder, ein klassischer Fall von Fake News. Der Geschädigte war die desinformierte Öffentlichkeit, aber niemand Konkretes. Wer für Geld eine Petition unterschreibt, verstößt nicht gegen die Buchstaben der Richtlinien von Seiten wie „change.org“, auch im Petitionsgesetz, das die Befassung des Petitionsausschusses des Bundestages regelt, spielt die Motivation der Unterzeichner keine Rolle. Rechtlich gesehen finden viele Fake-News-Geschäfte, wenn sie keine Tatbestände wie Beleidigung oder Volksverhetzung erfüllen, in einem rechtlichen Graubereich statt.

          Ein billiges Propaganda-Mittel für Regierungen

          100 Abonnenten für einen Youtube-Kanal zu kaufen, kostet bei der Firma Kwoki nur 90 Cent. Für größeres Geld manipulieren die Helfer der russischen Firma Jet-s auch Online-Umfragen. 2397 Euro muss man ausgeben, damit 25.000 Menschen eine Petition auf der Seite change.org unterschreiben. Früher hatte es dort zum Beispiel eine Petition mit der Überschrift „Rücktritt der dt. Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel und sofortige Neuwahl der Bundesregierung“ mit rund 264.000 Unterschriften gegeben. Auch wenn nicht zu erkennen ist, ob gekaufte Unterschriften dabei waren, so ist es theoretisch möglich, dass sie es alle waren. Das hätte dann 25.100 Euro gekostet. Eine große Anzeige in einer Zeitung ist teurer.

          Auftraggeber könnten – über Strohmänner – auch ausländische Regierungen sein. Das mitunter harmlose Geschäft, mit dem sich Musiker falsche Fans kaufen können, eignet sich auch für die Manipulation der öffentlichen Meinung vor Wahlen. Staatliche Akteure mögen ihre eigenen Möglichkeiten der Manipulation haben, heißt es in dem Bericht. „Aber der Untergrund bietet einen einmaligen Vorteil: Anonymität.“

          Um dem Problem Einhalt zu gebieten, haben die Analysten von Trend Micro einen einfachen Vorschlag zu machen: Würden Internetnutzer sich gelegentlich die Frage stellen, ob ein Artikel aus einer seriösen Quelle stammt oder nicht, würde das Geschäftsmodell der Manipulatoren schnell in sich zusammenbrechen. Schon von einem kleinen Vorsatz versprechen sich die Analysten eine große Wirkung: Wenn Internetnutzer nämlich mehr als nur die Überschrift eines Artikels lesen, bevor sie ihn in sozialen Netzwerk weiterempfehlen.

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