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Sprengstofffund in Chemnitz : Terrorangst im Wohngebiet

  • -Aktualisiert am

Ein neues Fahndungsfoto der Polizei Sachsen zeigt den 22 Jahre alten Syrer Jaber Albakr. Bild: Polizei Sachsen

Mit dem Fund eines hochexplosiven Sprengstoffs in einem Chemnitzer Wohnhaus konnte ein geplanter Terroranschlag verhindert werden. Der mutmaßliche Täter ist dem Verfassungsschutz bekannt gewesen. Warum der Zugriff zunächst scheiterte.

          Am Sonntag ist äußerlich wieder Ruhe eingekehrt in dem Wohngebiet im Chemnitzer Westen, das zu DDR-Zeiten nach dem in der Stadt geborenen KPD-Funktionär Fritz Heckert benannt wurde und auch heute noch im Volksmund so heißt. Etwa ein Drittel der rund 100 Einwohner, die ihre Wohnungen verlassen mussten, konnten wieder zurück. Nur in dem Haus, in dem die Polizei am Samstagnachmittag hochexplosiven Sprengstoff entdeckte, laufen die „Tatortarbeiten“ noch, sagte Kathlen Zink, Sprecherin des Landeskriminalamts Sachsen (LKA). Die Polizei jedoch bleibt mit vielen Kräften in der Stadt präsent, denn bis zum Abend war ihr der entscheidende Fang noch nicht geglückt. Inzwischen hat die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe die Ermittlungen übernommen.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          International fahndet sie nach einem 22 Jahre alten Syrer, der einen Sprengstoffanschlag in Deutschland geplant haben soll. Ein Sprengstoffanschlag, vorbereitet in einer Plattenbauwohnung mitten in einem Wohngebiet. Für viele der unmittelbaren Anwohner ist das unfassbar. „Bisher war alles immer so weit weg“, berichtet ein 60 Jahre alter Mann. „Jetzt scheint der Terror auch hier angekommen zu sein. Das ist schon ein Schock.“ Am frühen Samstagmorgen, gegen sechs Uhr, hatte die Polizei Teile des Viertels abgesperrt und Bewohner eines Hauses in der Straße Usti nad Labem 97 sowie zweier gegenüberliegender Hauseingänge zum Verlassen ihrer Wohnungen aufgefordert und mit Bussen weggebracht.

          Auf der Suche nach Jaber Albakr sprengten die Polizisten die Tür einer weiteren Wohnung auf – auch über den Balkon verschafften sie sich zutritt.

          Anlass dafür war ein Hinweis des Bundesamts für Verfassungsschutz, der am Freitagabend das sächsische Landeskriminalamt alarmierte. Die Verfassungsschützer hatten den Mann schon seit einiger Zeit überwacht. Als sich die Hinweise verdichteten, dass er einen Anschlag vorbereite, informierten sie die sächsische Polizei. Der LKA-Sprecherin zufolge waren sich die Einsatzkräfte sicher, dass sich der Verdächtige noch im Haus aufhielt, doch offenbar konnte er während der Sicherungs- und Evakuierungsmaßnahmen entkommen. Die Beamten hätten im Haus nahe der Wohnung eine verdächtige „Personenbewegung“ gesehen und einen Warnschuss abgegeben, doch sei es nicht gelungen, den Mann festzunehmen. Später verteidigt die Polizei ihr Vorgehen: Der Verdächtige habe sich schnell bewegt und sei trotz des Warnschusses aus dem Sichtfeld weggelaufen. Es sei unklar gewesen, ob er Sprengstoff und einen Zünder bei sich gehabt habe.

          Das Haus sei zu diesem Zeitpunkt noch nicht vollständig evakuiert gewesen, sagte ein Sprecher. Handyvideos von dem Polizeieinsatz, aufgenommen aus gegenüberliegenden Häusern, zeigen, wie sich schwerbewaffnete Einsatzkräfte der Wohnung über Nachbarbalkone nähern. Gegen Mittag sprengten die Beamten den Zugang zu der Wohnung in der vierten Etage auf, in der sie allerdings niemanden fanden. Kurz darauf setzte die Polizei den Verdächtigen zur Fahndung aus, informierte und warnte via Twitter die Öffentlichkeit: „Wir wissen nicht, wo er sich befindet und was er bei sich trägt. Seid vorsichtig.“

          Laut Polizei handelt es sich bei dem Verdächtigen um einen aus Syrien stammenden 22 Jahre alten Mann namens Jaber Albakr. Fahndungsbilder zeigen einen schwarzhaarigen jungen Mann mit kurzem Bart und grünem Kapuzenpullover, der seinem Passeintrag zufolge am 10. Januar 1994 in Saasaa nahe Damaskus geboren wurde. „Spiegel online“ zufolge soll er im Februar vergangenen Jahres zunächst illegal nach Deutschland gelangt und kurz darauf von der Bundespolizei aufgegriffen und registriert worden sein; im Sommer 2015 habe er dann Asyl erhalten.

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