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Fahndung der Bundespolizei : Schleuserzeit auf der Balkanroute

Zwölfstundenschichten im Süden Deutschlands: Bundespolizisten kontrollieren ein Fahrzeug an der A3. Bild: dpa

Die Bundespolizei ist eigentlich mit der Sicherung der Grenzen betraut. Oft hat sie dafür kaum noch Zeit. In Passau etwa ist sie durch die Registrierung von Migranten gebunden. Ein Morgen auf Streife.

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          „Gerade lief es wieder im Radio“, sagt Bernd Jäckel: „Vorsicht auf der A3 zwischen den Ausfahrten Pocking und Passau-Süd, hier befinden sich Personen auf der Fahrbahn.“ Früh am Morgen höre man diese Meldungen derzeit oft, sagt Jäckel. „Manche Schleuser fahren über die Grenze, lassen die Menschen an der Autobahn raus und hauen schnell wieder ab.“ Bernd Jäckel ist Gruppenleiter des Passauer Reviers der Bundespolizei. Dort ist sie für die Sicherung der „Binnengrenze“ zu Österreich zuständig.

          Alexander Haneke
          Redakteur in der Politik.

          Als die Bundespolizei vor zwei Wochen die Ermittlungszahlen zu den vorübergehenden Grenzkontrollen während des G-7-Gipfels in Elmau veröffentlichte, war das politische Echo groß: 1056 Fahndungstreffer waren den Bundespolizisten allein in den ersten zwei Wochen geglückt, 135 offene Haftbefehle wurden vollstreckt und 10.555 „Verstöße gegen das Aufenthaltsgesetz“ registriert. Bayerns Finanzminister Markus Söder (CSU) forderte gar eine Auszeit vom Schengen-Vertrag. Andere begnügten sich mit dem Hinweis, dass man eben mehr Fische fange, wenn man viele Angeln aushänge. Schließlich seien während der Gipfeltage 20.000 Polizisten im Einsatz gewesen. Bayern sprach das Thema am Donnerstag auf der Innenministerkonferenz in Mainz an.

          Spätestens um sieben Uhr ist keine Streife mehr übrig

          Die Probleme der Bundespolizisten in Passau sind wesentlich konkreter. Über die A3, an der hinter Passau in Österreich die großen Fernstraßen aus Slowenien und Ungarn zusammentreffen, mündet die sogenannte Balkanroute nach Deutschland, auf der vor allem Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak und Afghanistan nach Mitteleuropa geschleust werden. „Schlag vier Uhr früh“, sagt Jäckel, gehe der Schleuserverkehr jeden Morgen los. „Vielleicht kennen die unseren Schichtwechsel“, flachst er. Die heiße Phase gehe dann bis ungefähr acht Uhr, doch genau könne er das nicht sagen. Denn das Problem ist: Spätestens gegen sieben hat die Bundespolizei gar keine Streife mehr auf der Autobahn. „Die Kollegen haben dann alle Flüchtlinge aufgesammelt und müssen die jetzt registrieren.“ Kriegen sie Schleuser zu fassen, müssen die auf das Polizeirevier am Passauer Bahnhof. „Dann sind wir alle mit Papierkram beschäftigt.“

          Jäckel ist auf dem Weg zur X-Point-Halle. Die Bundespolizei hat die Veranstaltungshalle vor einigen Wochen kurzfristig von der Stadt Passau angemietet. Der Platz des Reviers am Bahnhof hatte schon lange nicht mehr ausgereicht. Früher kamen in ihrem Bezirk vielleicht 100 Flüchtlinge im Monat an, im vergangenen Winter stieg die Zahl auf über 1000, im Juni sind es schon jetzt über 4500. Als die Flüchtlingsströme im Winter rasch anwuchsen, half ihnen zunächst das Technische Hilfswerk mit einer Lagerhalle aus. Doch auch dort war es bald zu eng. In der X-Point-Halle, in der sonst Konzerte, Tagungen oder Bierfeste stattfinden, hat die Bundespolizei jetzt eine „Bearbeitungsstraße“ aufgebaut, wie Jäckel es nennt. So soll die Registrierung der Flüchtlinge schneller vonstatten gehen, damit die Polizisten schneller wieder auf die Autobahn kommen.

          Doch bis zur X-Point-Halle kommt Jäckel an diesem Morgen gar nicht. Als er auf der Straße vor der Halle sein Auto abstellt, hält ein Linienbus neben ihm. Der Fahrer macht die Tür auf und ruft heraus, er habe ein paar hundert Meter die Straße hoch „eine Gruppe“ gesehen. Etwa 15 Menschen - sie seien gerade in eine Seitenstraße gebogen. „Ein typischer Fall“, sagt Jäckel. Wieder hat ein Schleuser eine Gruppe irgendwo im Wald rausgelassen. Andere Einsatzkräfte sind gerade nicht verfügbar, also fährt Jäckel mit seinem Kollegen Thomas Schweikl die Straße hoch.

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