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Online-Hetze : Daumen runter für Facebook

  • -Aktualisiert am

Licht und Schatten: Neben Lob erntet Facebook auch viel Kritik - derzeit insbesondere wegen seines Umgangs mit rassistischen Kommentaren. Bild: dpa

Facebook feiert Erfolge und verspricht die „Welt miteinander zu verbinden“. Der Verantwortung für die Online-Hetze seitens seiner Nutzer wird das soziale Netzwerk aber nicht gerecht.

          Interessiert sich Facebook für die Regeln, die es selbst aufgestellt hat? Das Unternehmen veröffentlichte diese Woche auf der Facebook-Deutschland-Seite die Mitteilung, dass erstmals an einem einzigen Tag eine Milliarde Menschen das Netzwerk genutzt hätten, angeblich um „Ideen, Gedanken und Träume zu teilen“. Es lohnt sich nachzusehen, welche Nutzer das kommentierten.

          Die Leute heißen zum Beispiel „Petras Hobbys Habe Fertig“, „Messemann Uwe“, „Sven Aus Solingen“ und „Damian Trailerpark“. Dabei verlangt Facebook von seinen Nutzern, sich mit echtem Vor- und Zunamen anzumelden. Vielen ist das egal. Facebook anscheinend auch. Facebook-Mitarbeiter sehen die Fake-Namen und machen - nichts. Unter der Eine-Milliarde-Erfolgsmeldung beantwortet das Unternehmen lobende Nutzerkommentare. „Danke“, schreibt eine Mitarbeiterin namens Ellen, und: „Wir bleiben fokussiert die Welt miteinander zu verbinden und es freut uns, das es dir gefällt.“ Bla. Bla.

          Ellen sperrt nicht mal auf Facebooks eigener Facebook-Seite die Accounts mit Quatschnamen. Und Ellen antwortet nur auf Lob. Eine Frau schreibt: „Macht endlich was gegen diese ganze faschistische Hetze, die es seit Wochen auf Facebook gibt! Das ist doch nicht normal, dass sowas hier existieren darf!“ Eine andere schreibt, dass Facebook trotz mehrerer Hinweise nichts gegen übelste Beleidigungen unternommen habe. Sie selbst sei schließlich zur Polizei gegangen, „damit dieser Albtraum aufhört“. Dazu schweigt Ellen. Typisch Facebook.

          Den Brief, den Bundesjustizminister Maas diese Woche an das Unternehmen richtete, konnte es nicht ignorieren. Maas hatte Facebook aufgefordert, entschlossener gegen rassistische und volksverhetzende Nutzerkommentare vorzugehen. Tatsächlich suppt rechtsextremer Hass mehr denn je durch das Netzwerk.

          „Gelegentlich“ seien Fehler gemacht worden

          Ein vergleichsweise harmloses Beispiel eines Kommentars, der nicht gelöscht wurde: „Die ganzen schwarzen besudeln unser Land. Sie scheißen in alle Ecken und benehmen sich wie Tiere.“ An anderer Stelle ist von „verschissenem judenpack“ und „moslemgematsche“ die Rede. Man solle „ran ans gewehr“: „wir müssen die Maden auslöschen!!!!!!!!“ Diese Nachricht meldete ein Facebook-Nutzer als anstößig. Facebook teilte ihm mit, dass die Nachricht nicht gegen die Regeln des Netzwerkes verstoße. Facebook teilt sonst gern mit, dass sein Netzwerk kein Ort für Rassismus sei. Ha. Ha.

          Nun teilte Facebook Maas mit, man freue sich über seinen Brief und nehme die Bedenken sehr ernst. Ein Sprecher gab gegenüber dem „Mannheimer Morgen“ zu, dass „gelegentlich Fehler gemacht werden“. Kein Wort zum Vorschlag des Ministers, sich am 14. September zu einem Gespräch zu treffen.

          Kein Wunder, es wären nämlich zwei unschöne Dinge zu besprechen. Erstens die Frage, wie Facebook seinen gesetzlichen Verpflichtungen nachkommen will. Das Unternehmen muss zwar - anders als etwa Zeitungen - nicht selbst rassistische Einträge aufspüren. Es muss aber, wenn Nutzer heikle Kommentare melden, prüfen, ob die tatsächlich gegen Gesetze verstoßen. Und wenn ja, muss es sie löschen.

          Facebook darf Dreck nicht unter den Teppich kehren

          Klar ist diese Arbeit superschwierig und superaufwendig. Aber Facebook ist ja auch superreich. Gewinn 2014: knapp drei Milliarden Dollar. Muss man halt mal ein paar Leute neu einstellen, die eine andere Aufgabe haben, als in die Welt zu posaunen, wie toll Facebook ist. Juristen zum Beispiel.

          Zweitens muss man Facebook auch an seiner Selbstdarstellung messen. Ein Netzwerk, das behauptet, es sei kein Ort für Rassismus, darf auch kein Ort für Rassismus sein. Wer mit einer Milliarde Nutzern pro Tag protzt, darf nicht den Dreck von einer Milliarde Nutzern unter den Teppich kehren. Denn der Dreck bleibt nicht unter dem Teppich. Er bleibt an allen kleben: an Werbekunden, deren Angebote nun neben Nazi-Hass blinken, und an Normal-Ottos. Vor allem aber an den Flüchtlingen, die ein Recht darauf haben, nicht beschimpft und bedroht zu werden, nicht in Heidenau und nicht auf Facebook.

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