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F.A.Z.-Sprinter : Grundsätzliche Entscheidungen in Extremsituationen

Unser Sprinter-Autor: Oliver Georgi Bild: Robert Wenkemann

Malta holt 65 Migranten der „Alan Kurdi“ von Bord. Die Debatte um die dramatische Situation auf dem Mittelmeer ist damit nicht beendet. Alles, was am Montag sonst noch wichtig ist, steht im F.A.Z.-Sprinter.

          „Es ist schwer, jemanden zu finden, der Verantwortung für Menschen in Not übernehmen will.“ Diesen Satz hat der Einsatzleiter auf dem deutschen Rettungsschiff „Alan Kurdi“, Gorden Isler, im Gespräch mit meiner Kollegin Julia Anton gesagt – und er hallt lange nach. Tagelang fuhr das Schiff im Dreieck zwischen Libyen, Lampedusa und Malta auf dem Mittelmeer, auf der vergeblichen Suche nach einem Land, das die 65 Migranten aufzunehmen bereit ist, die die Besatzung am vergangenen Freitag vor Libyen aus dem Wasser gerettet hatte. Die einen könnten die Migranten nicht aufnehmen, so Isler, weil es sich um einen „failed state“ wie Libyen handele. Die anderen, wie Italien oder Malta, könnten, aber wollen es nicht.

          Oliver Georgi

          Redakteur in der Politik.

          Und so steuerte die „Alan Kurdi“ von Libyen erst bis kurz vor die 12-Meilen-Zone vor Lampedusa, wurde dort vom italienischen Innenminister Salvini abgewiesen wie vor ihr die „Sea Watch 3“ von Kapitänin Carola Rackete, setzte auf eigene Faust Kurs Richtung Malta, weil sie nicht in eine ähnliche Situation wie Rackete geraten wollte, die mit der „Sea Watch 3“ 17 Tage vergeblich auf Entscheidungen aus Rom oder Brüssel wartete und dann wegen der katastrophalen Zustände an Bord eigenmächtig in den Hafen von Lampedusa einfuhr. Doch auch vor Malta wurde die „Alan Kurdi“ von den Behörden hingehalten, bis am späten Sonntagnachmittag dann doch die Nachricht aus Valletta kam: Malta holt alle 65 Migranten von Bord. Dann sollten sie „unverzüglich“ auf andere EU-Länder verteilt werden. Bundesinnenminister Horst Seehofer erklärte sich kurz darauf bereit, 40 Bootsflüchtlinge von insgesamt 123 Migranten aufzunehmen, die die „Alan Kurdi“ und die maltesische Marine aus dem Mittelmeer geborgen hatte. 

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          Auch wenn sich die Lage auf der „Alan Kurdi“ schneller geklärt hat als befürchtet: Die Debatte um die dramatische Situation auf dem Mittelmeer und die innereuropäische Solidarität ist längst nicht beendet. „Man erwartet von Nicht-Juristen an Bord eines Rettungsschiffes, das Menschen vor dem Ertrinken gerettet hat, dass wir jetzt hier besonders kluge und nachhaltige juristische Entscheidungen treffen sollen. Das ist ein bisschen zu viel verlangt“: Auch das hat Isler, der Einsatzleiter der Alan Kurdi, gesagt. Und auch dieser Satz, hallt lange nach. Die Besatzungen der Schiffe haben keine andere Alternative, als die Erschöpften aus ihren Schlauchbooten zu retten. Grundsätzliche Entscheidungen kann man von ihnen in dieser Extremsituation nicht erwarten. Aber von der Politik schon – und zum Beispiel auch von den Kirchen: „In Deutschland sollten die Kirchen (wie in Italien) mindestens so sehr mit eigenen Mitteln für humanitäre Korridore einstehen als den Schleppern Rettungsschiffe vorfahren zu lassen“, kommentiert Daniel Deckers in seiner Leitglosse.

          Meine so mutige wie unermüdliche Kollegin Julia Anton ist seit Beginn der Rettungsmission vor mehr als zwei Wochen an Bord der „Alan Kurdi“ und berichtet in Echtzeit für die F.A.Z. Abgesehen davon, dass es in diesen Tagen noch mehr als sonst lohnt, ihr in den sozialen Medien zu folgen (etwa unter dem Twitter-Handle @_juliaanton): Die Texte, Videos und Fotos, die sie von Bord aus unter widrigsten Umständen nach Frankfurt schickt, sind Pflichtlektüre, wenn man das politische wie menschliche Drama verstehen will, das sich in diesen Tagen (wieder) auf dem Mittelmeer abgespielt hat.

          Und sonst: Steht den Mitarbeitern der Deutschen Bank ein ungemütlicher Wochenbeginn bevor. 18.000 Stellen will Deutschlands größtes Finanzinstitut streichen. Es bleibt zu hoffen, dass dieser überfällige Kurswechsel nicht zu spät kommt, wie F.A.Z.-Mitherausgeber Gerald Braunberger kommentiert. Setzt Ursula von der Leyen heute im EU-Parlament ihre Werbetour für ihre Wahl als Kommissionspräsidentin fort. Wollen Klimaschützer von „Fridays for Future“ in Köln von heute an fünf Tage am Stück demonstrieren. Empfängt der neue ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj zum ersten Mal die europäischen Spitzenvertreter zu einem Ukraine-EU-Gipfel.

          Die Nacht in Kürze:

          Iran will die Urananreicherung schrittweise erhöhen. Amerikas Präsident Donald Trump richtet als Reaktion eine Warnung an die Regierung in Teheran. Iran solle besser vorsichtig sein, sagte Trump.

          In dem Machtkampf zwischen Venezuelas Opposition und der Regierung gibt es offenbar wieder Bewegung. Ein Treffen zwischen den verfeindeten Seiten könnte bereits diese Woche in der Karibik stattfinden.

          Zum neunten Mal krönt sich die Seleção zum Südamerikameister. Die Brasilianer setzen sich gegen den überraschenden Finalgegner aus den Anden durch – obwohl sie die letzten 20 Minuten nur noch mit zehn Mann auf dem Platz stehen.

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