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F.A.Z.-Kongress : Reichen die Tendenzen für eine Tendenzwende?

Haben den Streit nicht gemieden und doch manche Zahl geerntet: Gesine Schwan (Politologin), Günther Nonnenmacher (F.A.Z.-Herausgeber), Tilman Allert (Soziologe), Udo Di Fabio (Bundesverfassungsrichter) Bild: Zimmermann, Julia

Was bleibt, wenn die Krise geht? Was wird, wenn nichts bleibt, wie es war? Auf einem Kongress der F.A.Z. in Berlin knüpfen Historiker, Ökonomen und Sozialforscher in der Vergangenheit an und machen sich auf die Suche nach der Zukunft.

          Einschneidende Krisen wie die Weltwirtschaftskrise, deren Langzeitwirkungen noch längst nicht absehbar sind, rufen nach Gegenwartsdiagnosen. Unter dem Motto „Tendenzwende“ hat der Mitherausgeber der F.A.Z., Günther Nonnenmacher, gemeinsam mit dem Mainzer Historiker Andreas Rödder in Berlin eine Reihe von Historikern, Juristen, Ökonomen, Sozialforschern in das Gebäude der F.A.Z in Berlin eingeladen. Der Titel des Kongresses knüpft an den gleichnamigen Kongress in München im Jahr 1974 an. Unter dem Eindruck des Krisenjahres 1973, der Ölkrise, des Kanzlerwechsels und dem Ende des Nachkriegsoptimismus hatten Hermann Lübbe, Ralf Dahrendorf, Robert Spaemann und andere Sozialliberale damals eine Tendenzwende ausgerufen.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Jürgen Kaube

          Merkantilisierung, Digitalisierung, Auflösung des Institutionellen zugunsten von Netzwerkbildungen, Verrechtlichung, Deliberalisierung im Verhältnis von Politik und Wirtschaft und ein Ende der Aufstiegsmobilität - so kennzeichneten die anwesenden Wissenschaftler die Zeit nach der Wirtschaftskrise, die mit der Krise des Neoliberalismus nur oberflächlich beschrieben zu sein scheint. Offensichtlich lassen sich Tendenzen nicht genau fassen, geschweige denn eine Tendenzwende. Eine bröckelnde Akzeptanz des Sozialstaates auch und gerade in der Mittelschicht, die ihn finanziert, sieht Werner Plumpe, der Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Goethe-Universität Frankfurt lehrt und Vorsitzender des Historikerverbandes ist.

          Kommunikationslosigkeit im harmonieverliebten Deutschland

          Die Inflation der Bildungszertifikate und das faktische Ende des Traums vom Aufstieg durch Bildung hat durch internationale Konkurrenz um geringqualifizierte Arbeitsplätze und die nicht reglementierte Einwanderung Geringqualifizierter zu einer erheblichen Verschiebung des Sozialstaatsgefüges geführt. Entstanden sei, so Plumpe, eine Unterschicht, für die sich Bildungsanstrengung nur bedingt lohne und Bildungsmobilität nur bedingt möglich sei. Weder Plumpe noch der Verfassungsrichter Udo di Fabio konnten den Neoliberalismus als Leitbild ausmachen.

          Vielmehr sieht di Fabio Tendenzen der Deliberalisierung. In der Schwächung des sozialtechnischen Vertrauens in die Steurerungskraft des Staates entdeckt er auch eine Chance und appellierte an die westlichen Staaten zu begreifen, dass ihre Grundlage weder wirtschaftlich noch zweckrational ist. Liberale Gesellschaften setzten kulturell an und nicht sozialtechnisch, sagte di Fabio und plädierte für einen kulturellen Gegenentwurf der „Edukation“, der auf dem Anspruch von Aufklärung und Humanismus baut, dessen Gestaltung aber nicht anonymisierten Netzwerken überlässt. Er setzt auf eine Rückkehr zu den Bildungsinhalten zur kritischen Aneignung der Gesellschaft und auf andersrationale Gegenwartszugänge wie etwa ästhetische (moderne Kunst, Liebessemantik). Wie moderne Kunst, zuweilen selbst ein Symbol für Kommunikationslosigkeit, das leisten soll, blieb in der Diskussion strittig. Unumstritten war dagegen di Fabios Diagnose vom harmonieverliebten Deutschland. „Wer Streit meidet, der wird Zahlen ernten“, sagte di Fabio.

          Verlust an Bildungsideen, Wahrheitssuche und ethischen Einstellungen

          Deren Vordringen in Gestalt von Kennziffern beklagte Andreas Rödder, der die Gegenwart als zahlengläubig beschrieb. Dem entgegnete der Jenenser Soziologe Hartmut Rosa, dass Zahlen in Rangtabellen oder Produktinformationen „Rationalitätsfiktionen“ seien. Manche von ihnen entfalteten ihre Wirkung gerade dadurch, dass sie nicht geglaubt würden. So denke kein Forscher ernsthaft, dass „Rankings“ irgendetwas über die Qualität von Forschung aussagten - und eben darum reagierten viele Forscher rein strategisch auf solche Tabellen. In anderen Beiträgen wurde die Kommerzialisierung aller möglichen Lebensbereiche dennoch als Signatur des Zeitalters angesprochen. Zwar sieht der Münchner Philosoph Julian Nida-Rümelin durch die Finanzkrise ein „Ende des Marktradikalismus“ gekommen, und auch die Mainzer Ökonomin Beatrice Weder di Mauro spricht von der Möglichkeit einer sich stärker auf nationalstaatliche Interessen zurückziehenden Wirtschaftspolitik. Doch für viele Teilnehmer ist die Wirtschaft nach wie vor das „evolutionär führende Funktionssystem“ (Udo di Fabio), das alle anderen zu überformen drohe.

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