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F.A.Z.-Gastbeitrag : Die Kirchen haben schon verloren

  • Aktualisiert am

Der Vorsitzende des Vereins „Pro Reli”, Christoph Lehmann, auf dem Pariser Platz mit einem Plakat des Aktionbündnisses „Freie Wahl” Bild: picture-alliance/ dpa

An Berliner Schulen ist Ethik ein Pflichtfach, die Teilnahme am Religionsunterricht dagegen freiwillig. Das missfällt den Kirchen. Durch die Unterstützung der Kampagne „Pro Reli“ für ein Volksbegehren aber haben sie sich auf einen politischen Kampf eingelassen und damit Vertrauen verloren und ihre ihre Integrität beschädigt, schreibt der Schriftsteller und Rechtswissenschaftler Bennhard Schlink.

          Religionsunterricht an öffentlichen Schulen hat in Berlin eine besondere Tradition. Seit das Bundesland besteht, war er stets ein zusätzliches freiwilliges Lehrfach, für das sich die Schüler eigens anmelden mussten und das für ihre Benotung und Versetzung keine Rolle spielte.

          Als sich im Lauf der Jahre in den anderen Ländern immer mehr Schüler vom Religionsunterricht abmeldeten, meldeten sich auch in Berlin immer weniger für ihn an, und der Gesetzgeber hat auf diese Entwicklung hier wie dort mit der Einführung eines Ethikunterrichts reagiert. Dabei hat er in der Schulreform von 2006 die besondere Berliner Tradition gewahrt und neben Ethikunterricht als verbindlichem ordentlichem Lehrfach Religionsunterricht als zusätzliches freiwilliges Lehrfach belassen.

          Für die Modelle lassen sich gute Gründe anführen

          Dem ging eine intensive Diskussion voraus. Die Kirchen forderten die Einführung eines Wahlpflichtbereichs, bei dem jeder Schüler und jede Schülerin sich entweder für Religions- oder für Ethikunterricht entscheiden muss. Das hätte Religionsunterricht zum ordentlichen Lehrfach gemacht, wie in den meisten anderen Ländern. Der Gesetzgeber entschied anders, weil er meinte, im gemeinsamen Ethikunterricht falle es den kulturell, ethnisch, religiös und weltanschaulich unterschiedlich geprägten Berliner Schülern leichter, sich gemeinsamer Werte zu vergewissern, als im Nebeneinander von evangelischem, katholischem, jüdischem und islamischem Religionsunterricht, Weltanschauungsunterricht des Humanistischen Verbands und Ethikunterricht für die Schüler, die übrig bleiben. Die Kirchen schlugen vor, die Integration dadurch zu leisten, dass die verschiedenen Unterrichte des Wahlpflichtbereichs für gewisse Zeiten zu einzelnen Themen zusammengeführt werden. Dem Gesetzgeber reichte das nicht; er entschied aber, dass der ordentliche Ethik- und der zusätzliche Religions- und Weltanschauungsunterricht zu einzelnen Themen kooperieren sollen.

          Bernhard Schlink lehrt Öffentliches Recht und Rechtsphilosophie an der Universität Berlin

          Für das von den Kirchen geforderte Wahlpflicht- wie für das vom Gesetzgeber geschaffene Pflicht- und Wahlmodell lassen sich gute Gründe anführen. Es lässt sich hören, dass die Schüler, für die ethische Verantwortung religiöse Verantwortung ist, neben einem Religions- keinen Ethikunterricht brauchen und dass sie, richtig unterrichtet, die Verwurzelung in der eigenen Religion auch als Wurzel der Toleranz für andere Religionen und Weltanschauungen erfahren können. Ebenso lässt sich hören, dass das Verständnis für andere Religionen und Kulturen und die Vergewisserung gemeinsamer Werte, auf die unsere Gesellschaft angewiesen ist, in der Schule gemeinsam eingeübt werden müssen, und dass die Verwurzelung in der eigenen Religion zwar eine Wurzel der Toleranz, aber auch eine Wurzel der Intoleranz sein kann. Wie sich argumentieren lässt, Wertevermittlung geschehe besonders erfolgreich aus entsprechender Überzeugung und solle daher im Religionsunterricht durch von ihrer Religion überzeugte und im Ethikunterricht von ihrer areligiösen Weltanschauung überzeugte Lehrer erfolgen, lässt sich auch argumentieren, die in der Schule zu vermittelnden Werte seien den verschiedenen Überzeugungen gemeinsam und auch als gemeinsame zu vermitteln.

          Religiös beliebiger Gutmenschenunterricht

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