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F.A.Z.-Gastbeitrag : Bundespräsidentin mit türkischen Wurzeln

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Barack Obama sei ein Vorbild für die Vielfalt, die Amerika zu einem starken Staat macht. Migranten in den obersten politischen Etagen Deutschlands - das wäre auch hierzulande in großer Schritt nach vorne. Warum sollte es also nicht schon bald eine Bundespräsidentin mit türkischen, russischen oder polnischen Wurzeln geben? Ein Gastbeitrag der SPD-Abgeordneten Lale Akgün.

          Barack Obama ist nun der 44. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Er ist der „erste schwarze Präsident“, wie vielerorts geschrieben wird. Dabei vereinigt der Sohn eines schwarzen Kenianers und einer weißen Amerikanerin die Vielfalt, die Amerika zu diesem starken Staat macht. Niemals zuvor hatte ein Präsident ähnliche gute Chancen, die tiefen Risse zwischen schwarzen und weißen Amerikanern zu kitten, die der Rassismus in den Jahrhunderten seit Beginn der Sklaverei in den nordamerikanischen Gebieten verursacht hat.

          Obama kann ein Präsident sein, von dem sich die große Mehrheit der Amerikaner vertreten fühlt. Denn nicht nur 95 Prozent der Schwarzen und zwei Drittel der Latinos haben ihn gewählt, sondern auch fast die Hälfte der weißen Wählerinnen und Wähler. Er hat das Kunststück fertiggebracht, den Republikanern Stammwähler abzujagen, und das war keineswegs sicher: Zwar hatte er die Umfragen gegenüber seinem Gegenkandidaten John McCain schon länger angeführt, niemand aber konnte mit Bestimmtheit sagen, ob sich viele Wähler in der Einsamkeit der Wahlkabine nicht doch lieber für den weißen Konservativen McCain entscheiden. Wahlforscher nennen das den Bradley-Effekt.

          Das Ausbleiben dieses Effektes ist ein Hinweis darauf, dass die Bürger der Vereinigten Staaten dazugelernt haben. Vor allem deshalb ist die Wahl Barack Obamas ein Zeichen der Hoffnung.

          Ich habe gute Hoffnung, dass auch Deutschland dazulernt.

          Denn hierzulande sind wir noch weit davon entfernt, Einwanderer in die höchsten Sphären des Staates aufsteigen zu lassen. Im Bundestag sitzen nur wenige Migranten, und die politischen Parteien tun sich nach wie vor schwer damit, ihre Tore für Zuwanderer zu öffnen. Dabei ist Deutschland schon seit mehr als 50 Jahren ein Einwanderungsland: Seit 1954 sind rund 32 Millionen Männer und Frauen hierhin gekommen (allerdings sind andere wieder abgewandert). Heute leben zwischen Kiel und Konstanz rund 15 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund, und in den Städten hat fast jedes zweite Kind eine Zuwanderergeschichte, auf die ganze Bundesrepublik übertragen, jedes dritte. Man muss also kein Hellseher sein, um zu begreifen, dass Deutschland in Richtung einer Fifty-fifty-Gesellschaft steuert - Menschen mit und ohne Migrationshintergrund zu etwa gleichen Teilen. Kurzum: Unser Land ist multiethnisch und wird noch vielfältiger.

          Daher ist es nur folgerichtig, wenn die Eliten unseres Landes die Bevölkerungsstruktur in Zukunft besser widerspiegeln werden, als sie dies bisher tun. Natürlich sollten dann Ministerpräsidenten, Bundesministerinnen oder eine Bundespräsidentin mit türkischen, russischen oder polnischen Wurzeln kein Problem mehr für unsere Gesellschaft sein (um nur die größten Einwanderergruppen zu nennen). Denn wir sind schon heute eine Gesellschaft, die sich über ihren gemeinsamen Wertekanon bestimmt - die Werte des Grundgesetzes - und nicht mehr über die Herkunft der einzelnen Hauptpersonen.

          Das würde auch den Hardlinern jedweder Couleur den Wind aus den Segeln nehmen: zum Beispiel jenen Migrantinnen und Migranten, die sich in ihre ethnischen Nischen zurückziehen, statt sich für die gemeinsame Gesellschaft einzusetzen, und dafür als Entschuldigung angeben, sie würden diskriminiert. Aber auch jenen Deutschen, denen eine buntere Republik aus rassistischen und volksromantischen Gründen ein Dorn im Auge ist. Bislang dient Rassismus beiden Seiten dazu, ihre Pfründe und Gewohnheiten gegen Veränderungen einer pluralistischen Gesellschaft zu verteidigen. Ein deutscher Barack Obama könnte zu einer Normalisierung beitragen und verhärtete Fronten aufweichen.

          Mit Symbolpolitik ist es jedoch nicht getan. Vor allem die Realpolitik muss sich an den Erfordernissen einer multiethnischen Gesellschaft ausrichten.

          Migranten in den obersten politischen Etagen Deutschlands wären ein großer Schritt nach vorne: Sie könnten mehr Einwanderer für Parteien und Politik interessieren. Die Parteien wiederum würden - schneller als sie dies derzeit tun - das Wählerpotential der Migranten erkennen: Schon bei der Bundestagswahl 2005 waren immerhin rund 3,3 Millionen Eingebürgerte und bis zu 450.000 Spätaussiedler wahlberechtigt, das sind sechs Prozent aller Wahlberechtigten. Und wer diese Wählerinnen und Wähler für sich gewinnen möchte, muss auch Realpolitik für sie betreiben.

          Damit würden sich Parteiprogramme anpassen: Einführung des kommunalen Wahlrechts für Drittstaatsangehörige, die mindestens fünf Jahre rechtmäßig in Deutschland leben, Erleichterungen von Einbürgerungen, Anerkennung ausländischer Berufs- und Studienabschlüsse, eine zukunftsgerichtete Einwanderung in unseren Arbeitsmarkt dort, wo Bedarf besteht - Migranten würden zu einer politischen Kraft, die nach und nach in der deutschen Gesellschaft aufgeht. Das wäre gelebte Integration. Unserem Land würden viele Barack Obamas gut tun.

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