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Extremismus : Überfordert mit den Salafisten

Die Islam-Verbände müssen sich nicht ständig im Namen ihrer Religion für jene Extremisten entschuldigen, von denen sie selbst verachtet werden. Aber aus den Gemeinden sollte schneller Alarm geschlagen werden.

          Ein Dschihadist aus Deutschland posiert in Syrien vor einem Leichenberg – ein verurteilter Gewalttäter, von dessen Ausreise der Verfassungsschutz nichts mitbekommen hat. Die Mutter zweier Extremisten in Syrien darf mit Kalaschnikow-Magazinen im Gepäck ausreisen. Ein polizeibekannter Hassprediger sitzt im Schulausschuss einer Stadt, der niemand einen Hinweis gibt. Die Liste von Merkwürdigkeiten und Versäumnissen dieser Art ließe sich fortsetzen.

          Die deutschen Sicherheitsbehörden sind mit den jungen Islamisten, die in den Sog der syrischen – und mittlerweile auch irakischen – Schlachtfelder geraten, offensichtlich überfordert. Sie wären es wohl auch, wenn sich der Apparat nicht durch interne Rivalitäten und Geheimniskrämerei selbst im Weg stünde. Viele aus dem Strom der jungen Dschihadisten werden den Behörden erst bekannt, wenn sie im Kampfgebiet auftauchen. Und wie soll man in Zeiten knapper Haushalte Hunderte Syrien-Veteranen überwachen, wenn man für jeden einzelnen ein Vielfaches an Bewachern braucht?

          Auch die Verwaltungen wirken oft hilflos. Dass jetzt in Hessen und zuletzt in Nordrhein-Westfalen neue Präventions- und Aussteigerprogramme auf den Weg gebracht worden sind, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Auch, wenn er viel zu spät kommt. In der Präventionsarbeit herrscht schon zu lange ein Mangel an Professionalität und langfristigen Programmen. Jetzt ist zu hoffen, dass die Politik tatsächlich einen langen Atem hat.

          Dass auch die Islamverbände eingebunden werden, ist richtig. Nicht etwa, weil man dem Salafismus mit Debatten über den Islam beikäme. Die Gedankenwelt der jungen Salafisten ist eine religiöse Mutation, eine totalitäre Ideologie mit garantiertem Seelenheil. Den Islam der älteren Herren in den Moscheevereinsvorständen verunglimpfen sie als „Schleimer-Islam“. Auch den Verbänden entgleiten junge Menschen. Sie müssen sich nicht ständig im Namen ihrer Religion für jene Extremisten entschuldigen, von denen sie ebenso verachtet werden.

          Es wäre aber viel gewonnen, wenn aus den Gemeinden schneller Alarm geschlagen würde, wenn man dort Probleme offener anspräche. Zu oft wird – auch in den Ämtern – geschwiegen oder beschwichtigt. Und das ist ebenso schädlich wie Panikmache. Im Kampf gegen den Salafismus wird Ernsthaftigkeit gebraucht – in den Behörden wie in der Gesellschaft.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

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