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Exil-Uiguren in München : Aufgestaute Wut

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Uiguren auf dem Münchner Marienplatz: Demonstration am vergangenen Dienstag in München Bild:

Das chinesische Außenministerium hat nach einem tätlichen Übergriff von Exil-Uiguren auf eine chinesische Reisegruppe in München vor Reisen in die bayerische Landeshauptstadt gewarnt. Dort hat die wichtigste Exilorganisation der Uiguren ihren Sitz.

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          Chinas Staatsfeind sitzt in einem zwischen Spielhallen und Sexshops eingeklemmten Haus im Münchner Bahnhofsviertel. Polizisten stehen vor dem Gebäude, während sich im dritten Stock der Weltkongress der Uiguren (WUC) und damit deren wichtigste Interessenvertretung im Exil den Deutschen präsentiert. Journalisten fragen nach den neuesten Entwicklungen in Ostturkestan, aber gegen die Antworten des Vizepräsidenten des WUC, Asgar Can, wird protestiert. Die Kritiker stellen sich als chinesische Studenten vor und halten Bilder von blutüberströmten Han-Chinesen in die Kameras.

          Mitglieder des WUC zeigen ihrerseits Fotos brutal getöteter Uiguren. Die Studenten nennen die Uiguren notorische Lügner, die Uiguren glauben zu wissen, dass die Studenten vom chinesischen Konsulat geschickt worden sind. Beide Seiten beschweren sich über Drohanrufe, die sie seit Ende vorvergangener Woche, als in der westchinesischen Provinz Xinjiang Unruhen zwischen Han-Chinesen und Uiguren ausgebrochen sind, erhalten hätten.

          Kein Anschluss unter dieser Nummer

          Die Szenen in den Räumen des WUC lassen ahnen, was das Zusammenleben der Han-Chinesen und der Uiguren in Xinjiang derzeit beherrscht: historisch gewachsenes Misstrauen, gegenseitige Schuldzuweisungen, lange aufgestaute Wut. Die Szene im Münchner Büro des WUC zeigt auch das Dilemma der Exiluiguren, der Exilchinesen und des Restes der Welt, der nicht vor Ort ist. Denn je ungenauer die Informationen sind, die aus Xinjiang kommen, desto schwächer sind die Argumente. Als Quellen dienen vage Berichte von Augenzeugen, die es irgendwie schaffen, ins Ausland zu telefonieren. Muhammad Tursuns Schwester ist das schon seit Montag nicht mehr gelungen.

          Demonstration von Exil-Uiguren am Freitag in München

          Kein Anschluss unter dieser Nummer, heißt es, wenn Tursun seine Familie in Urumtschi anzurufen versucht. Der 46 Jahre alte Tursun kam 1996 nach München. Nein, er gehe hier nicht in die Moschee. Er sei kein strenggläubiger Muslim, sagt er, „aber ich möchte die Freiheit haben, einer sein zu können“.

          Begrenzte Macht

          In seiner Heimat ist die uigurische Sprache in Ämtern und Schulen verboten. Oft steht in Stellenanzeigen hinter dem Jobangebot in Klammern „Han“. Uiguren brauchten sich dort erst gar nicht zu bewerben, sagt Tursun. Er selbst fühle sich in Deutschland frei, aber er mache sich Sorgen um seine Schwester. Sie habe vor ein paar Wochen Besuch bekommen vom chinesischen Geheimdienst, sagt Tursun. Freundlich hätten die Besucher sie gebeten, Tursun beim nächsten Telefonat auszurichten, er solle sich in Deutschland politisch zurückhalten, „ruhig bleiben“. Tursuns Schwester aber verschwieg den Hinweis im nächsten Gespräch. Ein paar Tage später kam der Besuch wieder. Er fragte Tursuns Schwester nicht, ob sie die Botschaft überbracht habe, sondern sagte gleich, sie solle es doch beim nächsten Mal machen. „Sie wird abgehört“, sagt Tursun.

          Er ist stellvertretender Vorsitzender der „Osttürkistanischen Union in Europa“, einer Unterorganisation des WUC, der auf seiner Internetseite schreibt: „Die chinesische kommunistische Regierung hat vernichtende Maßnahmen gegen Uyghuren und andere Minderheiten Ost-Turkestans geführt, um die dauerhafte Besatzung des Landes zu sichern.“ Die Macht des WUC ist freilich begrenzt. In China wirkt der Kongress kaum, und im Exil beschränkt er sich auf Aufklärungsarbeit, die Lehre uigurischer Kultur und die Organisation von Kundgebungen. Jedes Wochenende haben die Kinder der Münchner Uiguren Sprachunterricht und Tanzstunden.

          Größte uigurische Gemeinde Europas

          Nicht ohne Grund hat der WUC seinen Sitz in München: Von den etwa 600 in Deutschland ansässigen Uiguren leben über 500 in München. Keine Stadt in Europa hat eine größere uigurische Gemeinde. Mit „Radio Liberty“ habe alles angefangen, sagt Tursun. Der internationale Radiosender mit Sitz in München beschäftigte in den siebziger Jahren ein paar uigurische Mitarbeiter. Denen folgten mehr und mehr Landsleute nach Bayern. 1991 wurde in München die erste Exilorganisation gegründet, 2004 der WUC. Einzig die Präsidentin des Kongresses, Rebiya Kadeer, lebt nicht in München.

          Kadeer begann als einfache Wäscherin und wurde als Textilhändlerin zu einer der reichsten Frauen Chinas. 1997 wurde sie Zeugin der Unruhen in Guljia, die der Hinrichtung 30 uigurischer Unabhängigkeitskämpfer folgten. Sie stellte sich fortan gegen die Regierung, wurde 1999 verhaftet und wegen Geheimnisverrats zu acht Jahren Einzelhaft verurteilt. 2005 wurde sie auf internationalen Druck freigelassen, seither lebt sie in Amerika. Von dort aus soll sie als Präsidentin des WUC die Uiguren in Xinjiang angestachelt haben, gegen die Chinesen aufzubegehren, heißt es aus Peking.

          Brandanschlag auf chinesisches Konsulat

          Nicht nur Kadeer wurde von der chinesische Regierung auf die Terroristenliste gesetzt. Auch einige der Münchner Uiguren stehen darauf. „Diese vermeintlichen Terroristen haben nach ihrer Flucht aus China sogar die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten“, sagt Can. „Denken Sie, das wäre möglich, wenn auch nur der geringste Zweifel an ihrer Unschuld bestehen würde?“

          Der Fraktionsvorsitzende der CSU-Stadtratsfraktion im Münchner Rathaus, Josef Schmid, erklärte die derzeitigen „Proteste der ,Münchner‘ Uiguren gegen die Unterdrückung ihrer Volksgruppe in China“ zum berechtigten Grundanliegen. Nachdem in der Nacht zum Montag vergangener vergangene Woche jedoch ein Brandanschlag auf das chinesische Konsulat verübt worden war und am Dienstag bei einer Demonstration am Marienplatz Uiguren mit Regenschirmen auf eine chinesische Reisegruppe losgegangen waren, sagte Schmid, der gewaltsame Konflikt aus Xinjiang dürfe nicht nach München getragen werden. Dafür sorgt derzeit einzig die Polizei: am Marienplatz beruhigte sie die Demonstranten, und im Büro des WUC sorgte sie für Ruhe, indem sie die chinesischen Studenten nach draußen begleitete.

          Reisewarnung aus Peking

          WUC-Vizepräsident Asgar Can entschuldigte sich für die Vorfälle. „Wir verurteilen jede Art von Angriff“, sagte Can. Dennoch sprach das chinesische Außenministerium am Samstag eine Reisewarnung aus: Chinesische Staatsbürger seien aufgefordert, bei Reisen nach München vorsichtig zu sein. Nach Angaben des Ministeriums in Peking wurden chinesische Abgesandte bei den deutschen Behörden vorstellig und verlangten, den Angriff auf die Reisegruppe aufzuklären. Zudem seien die deutschen Behörden aufgefordert worden, „effektive Maßnahmen zum Schutz des Lebens und des Eigentums von Chinesen in Deutschland“ zu ergreifen.

          Eine unabhängige Autorität, die für Deeskalation sorgt und die Chinesen maßregelt - nichts anderes wünscht sich Tursun für seine Heimat.

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