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Stasi-IM im Thüringer Landtag : Sein Deckname war Fritz Kaiser

„Parlamentsunwürdig“: Der Linke Frank Kuschel bei einer Aschermittwochsveranstaltung der SPD in Thüringen Bild: Imago

Früher war Frank Kuschel inoffizieller Mitarbeiter der Stasi und machte Karriere in der DDR. Heute sitzt er im Thüringer Landtag. Natürlich für „Die Linke“. Aha, denkt man. Aber so einfach ist es nicht.

          Ein Abgeordneter lebt von Informationen. Er braucht Kontakte, zum Beispiel in den Ministerien. Mit dem Abgeordneten Frank Kuschel will sich kaum jemand treffen. Zweimal schon hat ihn der Thüringer Landtag für „parlamentsunwürdig“ erklärt. Deswegen ist er ein einsamer Arbeiter im Parlament. Vor kurzem bekam er von seiner Fraktion einen Fleißorden.

          Lydia Rosenfelder

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

          Eigentlich wollte Kuschel für die letzte Thüringer Landtagswahl gar nicht mehr kandidieren, erzählt er. Zwei Wahlperioden wollte er machen. Und dann in seinen alten Job zurückkehren, in sein Beratungsbüro. Bodo Ramelow habe ihm das aber ausgeredet. Ramelow hatte zehn Jahre zu Kuschel gestanden. Wenn Kuschel jetzt ginge, könnte es so aussehen, als räume Ramelow ein Problem beiseite. Ramelow versucht, erster linker Ministerpräsident zu werden – und der frühere Stasi-IM Kuschel, einer von zweien in der Fraktion, scheidet freiwillig aus? Das glaubt doch keiner.

          Eine unvorstellbare Geschichte

          Kuschel ist ein großer, kräftiger Mann. Halbglatze, Brille, Dreitagebart. Beim Gehen hinkt er etwas. Er redet mit leichter Südthüringer Färbung und sagt Sätze über sich wie: „Das lag an meinem übersteigerten Ehrgeiz.“ – „Ich kann heute nicht mehr sagen, warum ich so verbiestert war.“ – „Holla die Waldfee!“ – „Man muss ja bedenken, wo ich hergekommen bin.“

          Ja, wo kam er eigentlich her? 1961, die Mauer war gerade gebaut worden, kam Frank Kuschel in Langewiesen bei Ilmenau zur Welt. Er wuchs mit fünf Geschwistern auf, der Vater war Alkoholiker und starb mit 46. Die Mutter saß im Rollstuhl. Die Kinder hatten ein Schlafzimmer mit drei Doppelstockbetten, für Schränke war kein Platz, alle Kleider wurden in Koffern aufbewahrt. Morgens mussten sie antreten, und die Mutter zählte auf, wer was aus seinem Koffer holt.

          Seine Geschwister schafften nur die achte Klasse. Frank Kuschel hatte einen Sprachfehler, der Buchstabe G wollte damals nicht heraus. Ge-ge-ge-ge-genosse. Ein Lehrer erkannte sein Potential, schickte Kuschel zum Sprachunterricht. Wenn Kuschel morgens in den Bus nach Ilmenau stieg, dachten alle, der fährt zur Förderschule. Unvorstellbar, dass er Abitur machte. Aber Kuschel besuchte die elitäre Goethe-Schule, ein prachtvolles altes Gebäude im Kurviertel, mit Säulen vorm Eingang, direkt am Märchenwaldrand. Kuschel war dort der einzige „Lumpenproletarier“. Ab der fünften Klasse war er politisiert, sagt er. Zur „Rotlichtbestrahlung“ ging es in die Pionierrepublik am brandenburgischen Wehrbellinsee. Ein Paradies für Kuschel: Er, unter auserwählten Thälmannpionieren. Die hatten sogar eine Uniform. „Das hat sich im Denken fortgesetzt.“

          Jähes Ende der Offizierslaufbahn

          In der sechsten Klasse meldete er sich für die Armee. „Ich wollte zur Grenze. Ich habe gesagt: Ich will den Sozialismus mit der Waffe in der Hand verteidigen, gegen die bösen Kapitalisten. So hat man ja gedacht.“ Und wieder zweifelten die Leute an ihm: Der kriegt das Abitur geschenkt, weil er Offizier werden will. Das befeuerte seinen Ehrgeiz.

          Er schob Nachtschicht im Porzellanwerk und zog mit 17 aus. Ein Jahr später kam er auf die Offiziershochschule nach Zittau, zu den Raketentruppen. Er war auch in der Sportleistungstruppe, so kam er um den Küchendienst herum, und das Essen war besser. Pillen gab es auch. „Leistungsstimulierend. Wir haben nicht drüber gesprochen, aber gehen wir davon aus.“ Er war Karl-Marx-Stipendiat, das höchste Stipendium. Dann erlitt er während einer Übung auf der Hindernisbahn einen Unfall. Blieb im sogenannten Fuchsbau liegen, einem verwinkelten Erdtunnel, durch den die Soldaten zu Trainingszwecken kriechen mussten. Er war querschnittgelähmt. „Das war wohl auch erblich.“ Sechs Wochen Krankenhaus, ein Gestell wurde eingesetzt. Die Ärzte sagten: Kuschel, das wird nichts mehr. Kuschel sagte: Das wird! „Ich wollte das. Habe alle Ärzte belogen, dass es mir gutgeht, dass ich das durchhalte. Ich hätte etwas anderes studieren können, aber ich wollte unbedingt General werden. Da hatte ich schon den übersteigerten Ehrgeiz. Ich wollte es den Leuten unbedingt beweisen. Das ist eine Eigenschaft, die nicht unbedingt gut ist.“ Er wollte wie geplant auf die Militärakademie in Leningrad, die zehn Monate Russischlehrgang in Berlin hatte er schon hinter sich. Und dann fiel er durch den Gesundheitscheck. „Da war meine Militärkarriere innerhalb von vier Wochen vorbei. 1985 war ich Zivilist. Völlig unvorbereitet. Völlig leer.“

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