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Stasi-IM im Thüringer Landtag : Sein Deckname war Fritz Kaiser

  • -Aktualisiert am

Aus Überzeugung gegen Oppositionelle

Zurück im zivilen Leben wollte ihn niemand. Er hatte beste Zeugnisse, den besten Leumund. Zu gut. Da musste was faul sein. Schließlich war es in der DDR üblich, die Leute mit guten Zeugnissen wegzuloben. So kam Kuschel nach Ilmenau, in den Staatsapparat. Wiedereingliederung. „Die mussten mich nehmen.“ Er bekam ein Büro im Keller, eine Demütigung. Seinen Chef fand er inkompetent. „Ich habe mich zu Höherem berufen gefühlt, gebe ich zu.“

Die stellvertretende Bürgermeisterin für Inneres schmiss hin. Und Kuschel bekam den Posten. In diesem Amt sollte er in der Arbeitsgruppe „Übersiedlung“ mitarbeiten. Dort wurde über die Anträge zur Ausreise in die BRD entschieden. Kuschel erstellte „Zurückdrängungskonzeptionen“: Wie bewegt man einen Ausreisewilligen dazu, seinen Antrag zurückzunehmen?

Dort kam die Stasi auf Kuschel zu. In seiner handgeschriebenen Erklärung steht: „Angesichts der gegenwärtigen Verschärfung der internationalen Lage durch den Gegner sehe ich ein, daß es notwendig ist, alle Angriffe des Feindes gegen die DDR ... zu bekämpfen. Mir ist bewußt, daß der Gegner durch die Organisation und Inspirierung von übersiedlungsersuchenden DDR-Bürgern einen politischen Untergrund in der DDR und eine innere Opposition schaffen will.“ Die Stasi schrieb in seine Akte: „Werbung erfolgte auf Grundlage politischer Überzeugung“. Er sei bereit, „Personen vorbehaltlos zu belasten“.

Entwürdigende Behandlung Ausreisewilliger

Kuschel gab sich einen Decknamen. Dieser musste die Anfangsbuchstaben des Klarnamens haben: Fritz Kaiser. „Klassische Inoffizielle Mitarbeiter haben nur einen Namen, wie IM Sonja“, sagt Kuschel. Er war IMS, Inoffizieller Mitarbeiter Sicherheit. Die Gespräche mit der Stasi fanden in seinem Dienstzimmer statt. Dorthin lud er auch die Ausreisewilligen, um mit ihnen zu sprechen. Das Protokoll schickte er dann ans Ministerium für Staatssicherheit. So schrieb er über eine Familie, dass sie keine Gartenarbeit mehr mache und ihr Haus verkaufen wolle. Eine weitere Antragstellerin bezeichnete er als „undiszipliniert und provozierend“.

Wolfgang Mayer, ein Oppositioneller aus Ilmenau, erinnert sich in seinem Buch „Dänen von Sinnen“ an den „jungen, dienstbeflissenen Herrn Frank Kuschel“, der einen Freund Mayers „entmündigend“ behandelt habe. „Mal ist es eine Geldstrafe, mal ’ne Vorladung; bei Nichterscheinen erfolgt ‚Zuführung‘ durch die Polizei.“ Der „junge Newcomer Kuschel“ habe sich bemüht, „durch einen besonders rigiden Stil schnell die Karriereleiter emporzusteigen“.

Ein Abstieg als persönlicher Aufstieg

Kuschel nennt seine Mitarbeit beim MfS heute einen „schwerwiegenden Fehler“. Und anders als viele in seiner Partei spricht er unumwunden von der DDR als „Unrechtsstaat“. Wenn er heute über seine damalige Rolle im System nachdenkt, sagt er: „Ich war eine Respektsperson. Wenn ich irgendwohin gekommen bin, ist sofort Ruhe eingetreten. Die haben Haltung eingenommen. Ich hatte schon auch Machtinstrumente, das war eben so. Der ganze Schutz- und Sicherheitsapparat hörte auf mein Kommando.“ Das sagt er nicht mit Stolz, sondern sachlich, beinahe wie ein Gutachter. Wenn damals Leute zu ihm kamen, die aus der DDR ausreisen wollten, habe er gedacht: „Ihr geht nicht aus politischen Gründen, ihr Säcke. Ihr habt alles, einen Lada, einen Farbfernseher. Ich hab das alles nicht als stellvertretender Bürgermeister mit zwei Kindern in einer Zweiraumwohnung. Und ihr haut jetzt einfach ab in die große Freiheit.“

Kuschel trug mit seiner Arbeit dazu bei, dass Ausreisewillige kriminalisiert wurden. Irgendwann, so stellt er es heute dar, seien ihm dann aber Zweifel gekommen. Was er tat, trug keine Früchte. „Wenn wenigstens die Zahl der Antragsteller zurückgegangen wäre. Aber nicht mal das.“ Schon wenn die Ausreisewilligen sein Büro betraten, wusste er, dass jedes Gespräch sinnlos ist. Und dann saßen plötzlich seine alten Lehrer vor ihm. Das war ihm, gerade mal 25 Jahre alt, peinlich.

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