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Bulmahn über 20 Jahre Bologna : „Da ist etwas aus dem Ruder gelaufen“

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Edelgard Bulmahn (SPD) war von 1998 bis 2005 Bundesministerin für Bildung und Forschung (Archiv). Bild: dpa

Edelgard Bulmahn war federführend beteiligt, als vor 20 Jahren Bachelor und Master in die deutschen Universitäten einzogen. Im FAZ.NET-Interview spricht die frühere Bildungsministerin über die Freiheit der Wissenschaft und das Humboldtsche Bildungsideal.

          Frau Bulmahn, die Bologna-Erklärung wird am 19. Juni 2019 zwanzig Jahre alt. Mit der damals beschlossenen Hochschulreform sollten Studiengänge und Abschlüsse europaweit harmonisiert und die internationale Mobilität von Studierenden verbessert werden. Welches Fazit ziehen Sie heute?

          Langfristig war der Bologna-Prozess ein Erfolg. Kurzfristig gab es sicherlich Schwierigkeiten bei der Umstellung auf ein zweigestuftes Studiensystem. Kernziel war es, nicht nur ein wirtschaftlich starkes Europa zu schaffen, sondern ein „Europa des Wissens“. Den Hochschulen kam dabei eine wichtige Rolle zu. Sie sollten eng kooperieren, Hochschulabschlüsse vergleichbar und Studierende mobil machen. Zu den ursprünglichen Initiatoren Frankreich, Deutschland, Italien und dem Vereinigten Königreich haben sich schnell 44 weitere Staaten gesellt. Die Erfolge von Bologna zeigen sich in vielerlei Hinsicht.

          Inwiefern?

          Der Bologna-Prozess hat notwendige Debatten über die Qualität der Lehre und der Hochschulen angestoßen. Darüber hinaus ist eine europäische Plattform für eine systematische Zusammenarbeit zwischen Universitäten, Studierendenverbänden, wissenschaftlichen Organisationen und Fachgesellschaften geschaffen worden, wie es sie vorher nicht gegeben hat. Bologna hat Diskussionen darüber entstehen lassen, welche Konzepte wir brauchen, um die Qualität der Lehre an den Hochschulen zu verbessern, wie ein Curriculum heute gestaltet sein muss, wie wir Qualität vergleichen und weiterentwickeln können. Durch Bologna debattieren wir auch in den Universitäten: Welche Qualifikationen brauchen Studierende eigentlich? Die Beziehung zwischen der Beschäftigung auf dem Arbeitsmarkt und den Universitäten hat durch Bologna einen neuen Schub bekommen. Und auch der Austausch hier in Deutschland gelingt inzwischen. Wir haben viel mehr ausländische Studierende als noch in den 1990er Jahren, und umgekehrt verbringt inzwischen gut ein Drittel der deutschen Studierenden einen Teil des Studiums im Ausland. Die Zahl der Studienabbrecher ist gesunken, aber vor allem hat sich die Zeit des Studienabbruchs geändert.

          Was meinen Sie damit? 

          Früher haben Studierende in Deutschland ihr Studium oft erst sehr spät abgebrochen, im sechsten, siebten Semester oder noch später. Das erzeugte Frust und Enttäuschung auf allen Seiten. Heute brechen Studierende ihr Studium nach einem oder zwei Semestern ab oder wechseln ihr Studienfach. Das bedeutet weniger Frust. Allerdings zeigt sich hier, dass eine Orientierungsphase für Studierende sinnvoll wäre, um besser beurteilen zu können, was die Erwartungen an ein Studium im Allgemeinen und an die einzelnen Studiengänge sind.

          Die EU kämpft heute mit inneren und äußeren Herausforderungen wie dem Brexit, zunehmendem Rechtspopulismus, globalen Handelskriegen oder der Neuordnung der transatlantischen Beziehung. Welche Auswirkungen hat das auf den Hochschulraum?

          In einigen europäischen Ländern, ich denke an Ungarn, ist die Freiheit der Wissenschaft bereits eingeschränkt und bedroht. In Großbritannien haben die Universitäten viel zu spät und unzureichend auf die fatalen Folgen eines Brexit hingewiesen. Deshalb müssen wir heute noch mehr unterstreichen: Nicht nur Bildungsminister, sondern auch Universitäten müssen die Freiheit der Wissenschaft aktiv und hörbar verteidigen. Sie sollten sich als Anwalt des kritischen Denkens und der Vernunft verstehen. Die Freiheit der Wissenschaft und Aufklärung sind Grundpfeiler des europäischen Selbstverständnisses. Nur so können sie zur Wissensmehrung, ja zur Aufklärung im besten Sinne, beitragen. Und nur so können Hochschulen einen wichtigen Beitrag für eine stabile, friedliche und demokratische Entwicklung unserer Gesellschaft leisten.

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