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Evangelischer Kirchentag : Sehnsucht nach Möglichkeiten

Die Frauenkirche fasste am Donnerstag keine Gläubigen mehr Bild: dpa

Hexenjagd und Linkspartei: Auf dem „Markt der Möglichkeiten“ steht beim Kirchentag Stand an Stand das Mögliche neben dem nur scheinbar Unmöglichen. Und der gar nicht heimliche Star Margot Käßmann wendet sich ein weiteres Mal gegen Kriegseinsätze.

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          Tomke Ande lebt lesbisch und scheint zufrieden. „Alles ganz toll hier“, lobt die Sprecherin von „Maria und Martha“ den Markt der Möglichkeiten auf dem Evangelischen Kirchentag. Frohgemut wendet sie sich den Kirchentagsbesuchern zu, die in „Messehalle 4“ an den Ständen der „Netzwerke für Lesben“ vorübergehen. Von Anfeindungen oder Ausgrenzungen kann sie nicht berichten. Manche eilen hier vorbei, andere schlendern und schauen, wieder andere suchen das Gespräch. Und überhaupt: „Sie sollen alle gerne kommen mit ihren Vorurteilen.“

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Mehr als 800 Vereine, Verbände und ehrenamtliche Gruppen tummeln sich auf dem Markt der Möglichkeiten und werden auf dem Dresdner Messegelände für ihre Anliegen. Unter ihnen sind theologische Hochschulen, Befürworter der Ökumene, Abtreibungsgegner, die Plastikflöten verteilen, Hospizdienste und christliche Motorradfahrer. Es ist ein Panoptikum des Christlichen und Parachristlichen. Pilgern auf dem „Sigwardsweg“ in der Gegend um Minden und Idensen wird beworben, auf einem Boden aus Rinde und Aststücken stilecht aus Porta Westfalica. Und einige freundliche ältere Herren, deren Standaufschrift sie als Stotterer ausweist, werben um Verständnis, mit selbstgemachten Anstecknadeln zum Preis von einem Euro: „Vorsicht Stotterer!“, steht auf einem, „Stotterer machen's lllllllllänger und öf-öf-öfter!“ auf einem anderen.

          Fritz Günter Held beschäftigt sich nicht allein mit Hexenverfolgungen, auch wenn es das Thema seines Standes ist. Das Andenken an die schätzungsweise 60.000 Frauen, Männer und Kinder, die in der Frühen Neuzeit wegen Hexerei angeklagt und getötet wurden, dient Held eher als historisches Podest, von dem aus sich das Unrecht in der Gegenwart umso präziser in den Blick nehmen lässt. So wie die Hexenverfolgung damals einzuordnen gewesen sei in die Ausgrenzung der „klugen Kräuterfrauen“ durch die aufstrebende und von den Männern dominierte Medizin, so lägen auch den Missständen der Gegenwart ganz ähnliche Mechanismen zugrunde, analysiert Held und nennt die „Hexenjagden in den neunziger Jahren auf türkische Mitbürger“ als Beispiel, aber auch griechische Grenzschützer, die Schlauchboote aus Nordafrika aufschlitzten. „Da werden wir auch heute unserem Glauben nicht gerecht“, klagt Held.

          Ökumenischer Gottesdienst am Donnerstag in der Glücksgas-Arena in Dresden

          Unter Einwanderern seien Suizide häufiger

          Schwerer als dem Herrn aus dem Ruhrgebiet fällt es Elisabeth Brockmann die Fragen in Worte zu fassen, mit denen sie sich beschäftigt. Die Fränkin steht an einem Stand, der auf Bilder aus gutem Grund weitgehend verzichtet. „Angehörigen um Suizid“, kurz: Agus, heißt die Initiative. „Kann ich weiter in unserem Schlafzimmer schlafen, in dem sich mein Mann erschossen hat“, sei so eine typische Frage, erzählt die Sozialarbeiterin aus Franken, deren Stand etwas abseits des Trubels liegt und an dem sich Gespräche auch in Ruhe führen lassen. Derzeit versucht die überkonfessionelle Initiative, unter Einwanderern bekannter zu werden. Unter denen seien Selbsttötungen häufiger und zudem mit noch größeren Tabus belegt, berichtet Elisabeth Brockmann. Zwiespältig fällt am Stand das Urteil darüber aus, wie und ob die Medien zur Enttabuisierung beitragen könnten. In den Tagen nach dem Tod Robert Enkes etwa sei die Zahl der Suizide an Bahngleisen sprunghaft angestiegen. „Nicht zu berichten, ist aber unrealistisch“, sagt Brockmann. Dabei solle aber auf eine genaue Schilderung der Umstände möglichst verzichtet werden – und vor allem darauf, den Toten im Nachhinein als besonders vorbildlichen und guten Menschen zu heroisieren. „Das ist für Gefährdete sehr riskant.“

          Gar nicht weit entfernt sind die „Christinnen und Christen in der Linkspartei“ vertreten und das durchaus prominent von einem Protestanten und einem, laut Selbstauskunft, Konfessionslosen. Ersterer ist Bodo Ramelow, der Fraktionsvorsitzende der Partei im Thüringer Landtag, der zweite Raju Sharma, Bundestagsabgeordneter und religionspolitischer Sprecher der Fraktion. Das sei mit seiner Konfessionslosigkeit gut zu vereinbaren, sagt Sharma – er könne ja „Brücken schlagen“ zwischen den Atheisten und den Gläubigen. Wie viele Christen es denn in der Linkspartei gebe? Die Frage gibt Sharma an Ramelow weiter, der die Zahl 500 nennt. „Jedenfalls mehr als man glaubt“, sagt Sharma. Eben sei ein junger Mann, dessen Vater Pfarrer in der DDR war, an den Stand gekommen, berichtet Ramelow. „Irritiert“ sei der Besucher gewesen, dass die Erbin der Unterdrücker der Kirche hier vertreten ist. „Ich sagte ihm: Er hat recht.“ Die Wunden seien da, man habe sich entschuldigt, müsse aber weiter „darüber reden“.

          Käßmann wendet sich wieder gegen Kriegseinsätze

          Über Wunden will auch Margot Käßmann reden. „Sehnsucht nach Leben“ heißt ihr neues Buch, aus dem sie am Vormittag Hunderten Kirchentagsbesuchern vorliest. Schon am Morgen hatte sich die ehemalige EKD-Ratsvorsitzende und hannoversche Landesbischöfin vor Tausenden Kirchentagsbesuchern einmal mehr gegen Kriegseinsätze jeder Art ausgesprochen. Am Stand der „Evangelischen Militärseelsorge Munster“ stehen dagegen nur wenige Besucher um die Tische. Eine Plastik-Heidschnucke in Flecktarn und erinnert an den fernen Krieg wie an die heimatliche Lüneburger Heide. Alexander Grabwoski aus der Munsterer Militärgemeinde, sagt über den gar nicht so heimlichen Star des Kirchentages, Margot Käßmann sei „eigentlich intelligenter“, als ihre berühmte Aussage über Afghanistan, wo nichts gut sei. „Wir müssen den Einsatz in Afghanistan vernünftig zu Ende bringen“, sagt Grabwoski. Sein Sohn ist Berufssoldat im Feldwebellehrgang, er könnte in Afghanistan bald zum Einsatz kommen. Auch das ist eine Möglichkeit.

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