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Evangelischer Kirchentag eröffnet : Auf der Suche nach dem neuen Konsens

Blau in blau: Bundespräsident Gauck in Hamburg Bild: dpa

Vier Open-Air-Gottesdienste eröffnen den Kirchentag in Hamburg. Der Bundespräsident spricht ein umjubeltes Grußwort. Und Kirchentagspräsident Robbers verlangt neue Übereinkommen im Zusammenleben der Religionen und in der Wirtschaft.

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          Zweierlei Blau prangt am frühen Mittwochabend über Hamburg: Das sanfte, milchige Blau des Himmels und das Türkisblau des 34. Deutschen Evangelischen Kirchentags. Auf Fahnen und Schals steht dessen Losung: „Soviel du brauchst“. Rund um den Grasbrookhafen haben sich Zigtausende Menschen versammelt, um einen der vier Eröffnungsgottesdienste unter freiem Himmel zu besuchen - den „mit Leichter Sprache“. Und so erklärt die gastgebende evangelische Bischöfin Kirsten Fehrs in einfachen Worten die Geschichte von den Israeliten, denen Gott zuteil werden lässt, was sie brauchen, um nicht Hungers zu sterben. „Himmelsbrot“, Manna, „so ein schönes Wort! Das, was du wirklich brauchst, gibt Gott.“

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Dann klagt die Bischöfin über Müll, Ungerechtigkeit und Bomben in der Welt, über Kinder, die „in dieser reichen Stadt“ kein Instrument spielen lernten, „und dass in einer Stadt mit einer Elbphilharmonie!“ Viele vor der Bühne lachen, in Sichtweite des immer noch nicht fertigen Baus. Auch Kirchentagspräsident Gerhard Robbers übt sich in Kritik. Er fordert vor der Menge, die in der Abendsonne zuhört, dass sich „Leistung wieder lohnen“ müsse, „auch für die, die Hilfsarbeiter sind“ oder die „Lohndumping“ ausgesetzt seien. „Lasst uns Schluss machen“ mit Geiz, Gier und Verschwendung, sagt Robbers.

          Dann bejubelt das Publikum Bundespräsident Joachim Gauck, der, den türkisblauen Kirchentagsschal um die Schultern, in seinem Grußwort an die Gottesdienstbesucher sagt, was auf dem Kirchentag besprochen, angeregt und gefordert werde, „das ist für unser Land wichtig und hilfreich“.

          Stunden zuvor hat Kirchentagspräsident Robbers während einer Pressekonferenz hervorgehoben, es gehe beim Kirchentag darum, „dass unsere Gesellschaft Maßlosigkeit erkennt“. So sei es „unerträglich, wenn durch Spekulation mit Lebensmitteln die Ärmsten hungern müssen“. Er fordert, dass „Steuerflucht“ aufhören müsse. „Was bedeuten Schuld und Vergebung in Zeiten von umstrittenen Bankgeschäften und Steueroasen?“, müsse der Kirchentag fragen. Es gelte, materielle Armut zu überwinden, aber auch Armut an Gemeinschaft und religiöser Erfüllung. 

          Reiche Stadt, unfertiges Opernhaus: Vor der Hamburger Elbphilharmonie

          Mehr als 2500 Veranstaltungen

          Mehr als 116.000 Dauerteilnehmer haben sich zu dem fünftägigen Treffen angemeldet. Das sind fast ebenso viele wie zu dem vorangegangenen Kirchentag vor zwei Jahren in Dresden. Rund 36.000 von ihnen wirken an den mehr als 2500 Veranstaltungen - Bibelarbeiten, Gottesdiensten, Podiumsdiskussionen, Konzerten - oder an einem der Informationsstände mit. Etwa 5500 Helfer engagieren sich ehrenamtlich. Nach Angaben von Robbers so viele wie nie zuvor auf einem Kirchentag. Viele Teilnehmer schlafen in Privatquartieren oder Schulen. 

          Drei Themenschwerpunkte sind in Hamburg vorgesehen: verantwortungsvolles Wirtschaften, interreligiöser Dialog und Inklusion; zu dieser Frage wird an diesem Donnerstagvormittag unter anderen der Bundespräsident sprechen. Viele weitere Gäste aus der Politik werden bis Sonntag in Hamburg erwartet; Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) soll am Freitagvormittag über das Thema „Schöpfung in der globalisierten Welt“ diskutieren, SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück am Freitagnachmittag über die Frage „Wer regiert das Geld?“

          Aus dem Bundeskabinett treten Umweltminister Peter Altmaier, Verteidigungsminister Thomas de Maizière und Finanzminister Wolfgang Schäuble (alle CDU) in Hamburg auf. Aus der SPD kommen unter anderen der Parteivorsitzende Sigmar Gabriel, Generalsekretärin Andrea Nahles und der Bundestagsfraktionsvorsitzende Frank-Walter Steinmeier. Aus den Reihen der Grünen kommen Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckhardt, die in Dresden Kirchentagspräsidentin war, und die Parteivorsitzende Claudia Roth.

          Kirchentagspräsident Robbers wendet sich am Mittwoch in der Pressekonferenz gegen die Einschätzung, der Evangelische Kirchentag sei im Vergleich zu früheren Jahren unpolitisch geworden. Doch wünsche er sich als Ziel der Debatten die Suche nach Konsens, sagt er. Die Gesellschaft brauche „neue Konsense“, im Zusammenleben der Religionen, in der Wirtschaft, in der Entwicklung Europas. Und Kirchentagsgeneralsekretärin Ellen Ueberschär sagt, der Kirchentag wolle weder eine „Politikveranstaltung“ werden, noch ausschließlich auf Spiritualität setzen: „Kirchentag ist Tankstelle des Glaubens und Sprungbrett für politisches Engagement.“ Am Mittwoch steht in Hamburg noch der „Abend der Begegnung“ an, ein Straßenfest zur Einstimmung auf den Kirchentag; zum Abschluss lockt ein „Abendsegen mit Schlusskomposition und Lichtermeer“, Kerzen also, die auf den Wassern treiben.

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