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Evangelischer Kirchentag : Sanftmut in Berlin

Friedenstauben fliegen im Rahmen des Kirchentags vor dem Magdeburger Dom. Bild: dpa

Den Kirchen fehlt der Nachwuchs. Der Evangelische Kirchentag zieht dagegen die Jugend an. Wie schafft er das immer wieder? Und wie politisch darf er eigentlich sein?

          Als Martha Didwißus ihren Mitschülern in Neresheim bei Aalen erzählt, dass sie mit ihrer Schwester zum Kirchentag fährt, ist der Spott der Realschüler groß. „Zum Kirchentag? Äh, was ist das? Wie kann man nur da hinfahren?“ Im baden-württembergischen Neresheim ist es, grob gesprochen, wie überall in Deutschland. An Sonntagen werden die Gottesdienste von Senioren besucht, während die Jugendlichen im Bett liegen und sich ausruhen von der Party am Samstagabend. Die 16 Jahre alte Martha und ihre 22 Jahre alte Schwester Magdalena sind manchmal die einzigen Jüngeren im Kirchensaal. Keine Überraschung also, dass ihre Altersgenossen so reagieren: „Wo bitte fährst du hin?“

          Justus Bender

          Redakteur in der Politik.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Nach Berlin! Am Freitagmorgen sitzen die beiden im Erdgeschoss der Grundschule am Hollerbusch in Marzahn-Hellersdorf. Die Nacht haben sie in einem der Klassenräume verbracht, auf Isomatten und im Schlafsack. Der Raum der Klasse 4b sieht an diesem Morgen wie ein Husarenlager aus. Schlafsäcke liegen kreuz und quer im Raum, aus halboffenen Koffern quellen die Klamotten. Stühle fungieren als Trockenstangen für nasse Handtücher. So verbringen die Unerschrockenen unter den Kirchentagsbesuchern ihre Nächte.

          Martha ist zum Kirchentag gefahren, weil ihre ältere Schwester sie gefragt hat. Sie studiert Evangelische Religionspädagogik. Beide musizieren gerne, Martha spielt Saxophon, ihre Schwester singt und spielt Klavier. Die Mutter der beiden ist Organistin, Auftritte in Gottesdiensten machen die beiden häufig. Sie suchen auf dem Kirchentag deshalb auch nach Anregungen. Das Liederbuch ist voll von Kompositionen im Stile des Sakro-Pop. Die Schwestern wollen das Lied mit der Nummer 192 für den Gottesdienst in ihrer Heimatgemeinde verwenden. Es heißt „Ein neues Herz“, der Text beginnt so: „Du schenkst uns ein neues Herz / Und gibst uns einen neuen Geist, der uns erfüllt / Du schenkst uns Liebe, die uns trägt / Und unsere Sehnsucht stillt.“ Die Schwestern mögen vor allem die Melodie. „Das ist rockiger als die anderen“, sagt Magdalena. Auf dem Kirchentag steht in einer Messehalle eine Pinnwand mit der Frage: „Was bedeutet Glück?“ Als Magdalena die sieht, nimmt sie sich einen Zettel und schreibt darauf: „Musik mit jemandem zu teilen.“

          Markt der Möglichkeiten: der syrisch-orthodoxen Schwester Hatune Dogan wird aufmerksam zugehört. Bilderstrecke

          Magdalena und Martha sind zwei junge Frauen unter vielen, aber sie stehen für ein Phänomen. Während die Kirchen unter Nachwuchsmangel leiden, ist der von Laien organisierte Kirchentag ein Magnet für Jugendliche. Nicht viele Kirchenveranstaltungen können von sich sagen, dass sie Jugendliche dazu bringen, eine ganze Nacht im Reisebus zu verbringen, damit sie teilnehmen können. Magdalena glaubt, dass die Vielfalt der Veranstaltungen der Grund dafür ist. Auf dem Kirchentag kann sie zum Beispiel einen Methodistengottesdienst besuchen. Einfach nur so, zum Schnuppern. Oder den Klavierkabarettisten Bodo Wartke, für den sich die beiden begeistern können. Kirchentage seien jedenfalls Orte, „an denen man ins Nachdenken kommt“ .

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          Schon am Donnerstag war in Berlin besonders von den Jugendlichen die Rede gewesen. Der frühere amerikanische Präsident Barack Obama etwa erinnerte die Zehntausende vor dem Brandenburger Tor daran, dass viele Anführer der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung nicht älter als 30 Jahre gewesen seien. Auch Jesus sei nicht lange auf dieser Erde geblieben – „aber er hat die Welt verändert“, sagte Obama. Als der Staffelläufer, als den er sich sehe, wolle er den Stab an die nächste Generation weitergeben. Die jungen Zuschauer jubelten.

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