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Evangelischer Kirchentag : Love Parade in Zeitlupe

Großer Auftritt: Der Sänger Andreas Bourani auf dem evangelischen Kirchentag. Bild: dpa

Mit der Haltung der Kirche zur Homo-Ehe und der Flüchtlingspolitik standen hoch kontroverse Themen auf dem Programm des evangelischen Kirchentages. Viele Diskussionen verliefen dennoch eher in Slow Motion.

          3 Min.

          Der Kirchentag sei eine „Love Parade in Zeitlupe“. Diese Meinung vertrat zumindest Travestie-Star Wommy Wonder auf dem Stuttgarter Kirchentag. Was die die Debatten und die Stimmung in Stuttgart angeht, trifft der Befund durchaus zu: Bei Temperaturen von 34 Grad schleppten sich viele Kirchentagsbesucher ermattet in die U-Bahnen, die zwischen Neckarpark und Innenstadt pendeln. Am Schlossplatz schenkten Mitarbeiter des „Zweckverbandes Bodenseewasser“ frisch gezapftes Trinkwasser aus.

          Rüdiger Soldt
          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          „Wir wissen nicht wie viel Wasser es ist, was wir wissen, es sind viele Kubikmeter“, sagte eine Frau an der Sprudelschankanlage. Am Nachmittag des zweiten Arbeitstages herrschten in der baden-württembergischen Landeshauptstadt derart hohe Temperaturen, dass sich selbst vor den beliebtesten Eisdielen der Stadt keine Wartschlangen mehr bildeten.

          Auf dem „Markt der Möglichkeiten“, der in einer nichtklimatisierten Zeltstadt in der Nähe des Cannstatter Wasengeländes untergebracht ist, beantworten Mitarbeiter von Entwicklungshilfeprojekten und Missionswerken die Fragen der Standgäste dennoch mit großer Geduld und kühlem Kopf. Obwohl mit der Haltung der Kirche zur Homo-Ehe und der Flüchtlingspolitik hoch kontroverse Themen  auf dem Programm standen, verliefen auch die allermeisten Diskussionen eher im Slow-Motion-Modus. Die Anwälte des Publikums in den Foren sortierten entweder alle provozierenden Fragen aus oder solche wurden erst gar nicht eingereicht.

          Erstmal eigenes Zentrum zur Diskussion der Gender-Theorie

          Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bekam von den etwa 9000 Zuhörern in der Hanns-Martin-Schleyer-Halle für die ein oder andere eher konservative Einlassung zur Aufgabe der Sicherheitsdienste sogar Applaus. Das war zum Beispiel der Fall, als sie dazu aufrief, dem Staat und den Geheimdiensten bei der Datenweitergabe mehr zu vertrauen als großen Internet-Firmen. „Es kann nicht sein, den Firmen alle Informationen zu geben und sie dem Staat nicht, dem es ja darum geht, das Leben von 80 Millionen Menschen zu schützen.“ Angela Merkel sprach in ihrem Vortrag über das Thema Digitalisierung und Klugheit. Das schwierigere Thema, nämlich die Weltflüchtlingskatastrophe, mussten Innenminister Thomas de Maizière (CDU) und der Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Gerd Müller (CSU), bearbeiten.

          Viele Kirchentagsbesucher befürworten es, die Willkommenskultur für Flüchtlinge in Deutschland weiter zu stärken, die Visumspflicht für Bürgerkriegsflüchtlinge aufzuheben und legale Fluchtwege im Mittelmeerraum zu schaffen. Auch das Kirchenasyl hat unter den Kirchentagsteilnehmern sehr viele Fürsprecher. Der Innenminister und der Entwicklungsminister erinnerten die christlichen Laien an die politischen Realitäten: De Maizière sagte, das Kirchenasyl dürfe nur „ultima ratio der Barmherzigkeit“ sein, die Kirchengemeinden dürften sich nicht über den Rechtsstaat stellen.

          Entwicklungshilfeminister Müller wies darauf hin, dass Deutschland in diesem Jahr wahrscheinlich mit 400.000 Asylbewerbern rechnen müsse. „Wie viele Flüchtlinge sind Sie denn bereit, zu Hause aufzunehmen“, fragte der CSU-Minister die Kirchentagsgemeinde, was ihm nicht nur Beifall einbrachte. Von den Grünen gab es hierfür Kritik: Katrin Göring-Eckardt, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag und Mitglied des Kirchentagspräsidiums, sagte: „Es geht um Barmherzigkeit. Das Kirchenasyl ist eben kein Rechtsbruch, sondern gibt dem Recht eine Chance, wirksam zu werden.“ Erstmals gab es auf einem Kirchentag ein eigenes Zentrum zur Diskussion der Gender-Theorie mit zahlreichen Veranstaltungen. Zur Diskussion stand die Frage, ob gleichgeschlechtliche Partnerschaften den kirchlichen Segen bekommen, ob sich homosexuelle Paare auch kirchlich trauen lassen sollten.

          Politiker legen Bibelverse aus

          Der Kirchenpräsident, also Bischof, der Landeskirche von Hessen-Nassau, Volker Jung, hält es zum Beispiel für „theologisch gut begründet“, die  Ehe auch für gleichgeschlechtliche Paare zu öffnen, weil sie in der evangelischen Kirche auch kein Sakrament sei und der Traugottesdienst somit nur ein Segnungsgottesdienst. Auf dem Christustag der konservativ-evangelikalen „Lebendigen Gemeinde“, der in Stuttgart erstmals in Kooperation mit dem Kirchentag am Fronleichnamstag stattfand, wurde die Homo-Ehe mehrheitlich abgelehnt. Für Evangelikale und Pietisten ist die Homo-Ehe ein Verstoß gegen das Gebot Gottes. Sie berufen sich auf das Paulus-Zitat: „Du sollst nicht bei einem Manne liegen wie bei einer Frau.“ Am Christustag kamen 5000 Menschen. Der pietistische Dekan Ralf Albrecht warnte die evangelikalen und pietistischen Gemeinden Christen in Stuttgart sogar davor, sich zum „Oberlehrer der Kirche“ aufzuspielen.

          Gut besucht waren die Bibelarbeiten von früheren und amtierenden Politikern. Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne), Frank-Walter Steinmeier (SPD), Christian Wulff (CDU) oder auch Erhard Eppler (SPD) legten in den Morgenstunden Bibelverse aus. Eppler, der über Jahrzehnte  eine tonangebende Rolle für den linksliberalen Protestantismus in Deutschland hatte, kündigte in Stuttgart an, dass dies der letzte Kirchentag sei, den er angesichts seines hohen Alters besuchen könne. Schon seit Jahren hat die SPD auf den Kirchentagen an Einfluss verloren.

          Diese Rolle haben die Grünen übernommen. Nach Meinungsumfragen sympathisiert etwa die Hälfte der Kirchentagsbesucher mit der etablierten Öko-Partei. Mit 97.000 Dauerteilnehmern hat der Stuttgarter Kirchentag etwa 20.000 Gäste weniger als die Kirchentage in Dresden und Hamburg. Begründet wird das mit der mangelnden Attraktivität der baden-württembergischen Landeshauptstadt. An der Gastfreundschaft der Schwaben kann es jedenfalls nicht gelegen haben. Sogar Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) hat für einen 37 Jahre alten Altenpflegerus Frankfurt bei sich zu Hause ein „Gräbele“ – so nennen die Schwaben die Besucherritze zwischen den Matratzen – frei geräumt.

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