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Annette Kurschus : Wer ist die neue Frau an der EKD-Spitze?

Führt nun Deutschlands Protestanten: Die neu gewählte EKD-Ratsvorsitzende Annette Kurschus Bild: dpa

Die neue EKD-Ratsvorsitzende Annette Kurschus ist anders als ihr wuchtiger Vorgänger Bedford-Strohm. Mit ihr wird ein neuer, frommer Ton einkehren. Ein Porträt.

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          Fast genau zehn Jahre ist es her, dass Annette Kurschus an die Spitze der westfälischen Landeskirche gewählt wurde. Kurschus stellte damals selbst die Frage, ob eine „kleine und schmächtige Frau“ wie sie überhaupt das nötige Stehvermögen für ein solches Amt mitbringe. Nun übernimmt die langjährige Gemeindepfarrerin zusätzlich zu ihrem Führungsamt in Westfalen auch noch den EKD-Ratsvorsitz. Kurschus, mittlerweile 58 Jahre alt, hatte dieses Spitzenamt des deutschen Protestantismus offensiv angestrebt. Sie stehe bereit, eine „erkennbare Rolle“ zu übernehmen und wolle eine „wahrnehmbare Stimme“ sein, kündigte sie vor der Wahl an. Ein erfahrener EKD-Mann übersetzte das so: „Ich kann und ich will“.

          Reinhard Bingener
          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Und doch wird im Hintergrund abermals die Frage gestellt, ob Kurschus die nötige Durchsetzungskraft für ihr neues Amt hat. Ihr Vorgänger Bedford-Strohm hatte diese Wucht, zumindest in der Öffentlichkeit. Kurschus gelang es in ihren sechs Jahren als seine Stellvertreterin deshalb kaum, neben ihm Gehör zu finden. Denn ihr Ton ist ein anderer. Kurschus vertritt zwar ebenfalls die Auffassung, dass sich aus dem christlichen Glauben Folgerungen für den Umgang mit Flüchtlingen oder den Klimaschutz ergeben. Aber anders als Bedford-Strohm spricht Kurschus dabei nur selten in der Begriffen der Politik. Stattdessen nimmt sie Maß an der Sprache der Bibel. „Wir haben einen Ton in das Leben einzutragen, den sonst niemand einträgt“, sagte Kurschus. „Wir wissen es auch nicht besser als andere, aber wir blicken anders als andere in die Welt.“ Die Frage ist, ob es für eine solche Stimme im medialen Alltag überhaupt einen Platz gibt oder ob sie im Kampf um Aufmerksamkeit schlicht untergeht. Als im Jahr 2015 die Opfer der Germanwings-Katastrophe zu beklagen waren, drangen die Worte von Kurschus indes durch. Ihre damalige Predigt im Kölner Dom wird häufig als Beispiel angeführt, wie Theologen in solchen Situationen sprechen sollten.

          Annette Kurschus hat als Ratsvorsitzende aber noch weitere Aufgaben. Die ledige Pastorentochter muss eine Organisation führen, in der gerade ein historischer Wandel gerade erst richtig beginnt. Die evangelische Kirche wird ärmer, sie wird kleiner und sie wird nur noch eine Minderheit vertreten. Bedford-Strohm hat den Schmerz darüber mit seinem sprühenden Optimismus überspielt und überdies die konkreten Planungen anderen überlassen. Bei Kurschus ist noch nicht ganz klar, welche Rolle sie wählt. Mit Sprachbildern aus der Bibel kommt man an diesem Punkt jedoch mit Sicherheit nicht weit. Denn genau damit panzern sich die schwerfälligen Strukturen der Kirchen seit jeher gegen Veränderungen.

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