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„Euroislam“ in Bayern : Der Imam von Penzberg

  • -Aktualisiert am

Penzberg: Imam Idriz zeigt Bayerns Landtagspräsident Glück die Moschee Bild: picture-alliance/ dpa

In München mehren sich Vorbehalte gegen den geplanten Bau eines „Zentrums für Islam in Europa“. Dabei gilt der Initiator des Vorhabens, ein Imam aus dem oberbayerischen Penzberg, als Pionier eines offenen Euroislams. Von Albert Schäffer.

          Ein Schleier hat sich über die bayerische Landespolitik in den letzten Amtstagen Stoibers gelegt. Jede Äußerung, jeder Vorschlag eines CSU-Politikers wird auf der Folie des sich neu formierenden Machtgefüges interpretiert. Ein Beispiel ist die Auseinandersetzung über die Errichtung eines „Zentrums für Islam in Europa“ in München. In den Medien wird der Streit auf politische Kabalen reduziert - mit einem übereifrigen Staatssekretär des Innenministeriums in der Schurkenrolle, der in die erste Reihe der Politik dränge.

          Die Wirklichkeit ist bunter: Bei dem geplanten „Zentrum für Islam in Europa“ handelt es sich um ein ehrgeiziges Vorhaben; auf einer Fläche von rund achttausend Quadratmetern sollen ein Gemeindehaus, eine Akademie für Imame, ein Museum und ein Gebetsraum entstehen. Nichts weniger als eine zentrale Institution für ein „offenes, transparentes und modernes Islamleben“ in Europa soll in der bayerischen Landeshauptstadt entstehen. Es ist ein Anspruch, der an hochmögende Organisatorenkreise denken ließe, mit breitgefächerten Beratergremien - doch weit gefehlt.

          Atemberaubend moderne Formensprache

          Als Initiator des Zentrums tritt der Imam einer kleinen islamischen Gemeinde in der oberbayerischen Stadt Penzberg auf. Penzberg, fünfzig Kilometer südlich von München gelegen, hat in den vergangenen Jahrzehnten einen erstaunlichen wirtschaftlichen Strukturwandel bewältigt. Nach der Schließung eines Kohlebergwerks im Jahre 1966, das die Stadt geprägt hatte, ist es gelungen, neue Unternehmen anzusiedeln. Mit dem wirtschaftlichen Wandel hat sich auch die Bevölkerungsstruktur geändert: Wie in vielen deutschen Gemeinden sind aus Menschen, die zunächst als „Gastarbeiter“ gekommen waren, Einwanderer geworden.

          Architektur, die sich auch in London oder Paris sehen lassen könnte

          Wie andernorts ist auch in Penzberg damit ein konfessioneller Wandel verbunden; mit Türken, Bosniern und Arabern ist der Islam in der Stadt heimisch und in beeindruckender Weise sichtbar geworden: Das 2005 eröffnete islamische Gemeindezentrum, gelegen an einer Ausfallstraße, weist eine architektonische Qualität auf, die sich auch in London oder Paris sehen lassen könnte. Religiöse Traditionen sind hier in eine atemberaubend moderne Formensprache übersetzt worden.

          Plädoyer für einen „Euro-Islam“

          Ein Gebetsraum, der sich mit einer großen gläsernen Front nach außen öffnet; eine Bibliothek mit weiten Fensterflächen; ein Eingangsportal, das von großen Betonflächen als unverrückbar offenstehenden Türen flankiert ist - die Botschaft könnte nicht eindeutiger sein. Es ist eine Botschaft der Offenheit, die sich in einem Plädoyer für einen „Euro-Islam“ fortsetzt, das sich auf den Internetseiten der Gemeinde findet - mit einem Aufruf, radikalen Gruppierungen den Nährboden zu entziehen und den Islam nicht für politische Zwecke missbrauchen zu lassen. Verfasst ist dieses Penzberger Manifest für einen Euro-Islam vom Imam der Gemeinde, Benjamin Idriz.

          Bis zum Sommer sind die Penzberger Gemeinde und ihr Imam auch in überregionalen Medien als ein Vorbild für den Weg eines modernen Islams in der deutschen Gesellschaft porträtiert worden. Auch der Bürgermeister und die örtlichen Kirchengemeinden haben sich immer positiv über Idriz und seine Arbeit geäußert. Anfang dieses Monats überraschte der bayerische Innenstaatssekretär Schmid (CSU) nun mit der Mitteilung, es gebe Hinweise auf Verbindungen von Verantwortlichen der Penzberger Gemeinde zur „Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs“, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird.

          „Weg zu einer pluralistischen Bürgergesellschaft“

          Eine hocherregte Debatte setzte ein, in der Schmid als Scharfmacher und Integrationsfeind hingestellt wurde. Zwei Welten prallen seither aufeinander - die kleinteilige Arbeit der bayerischen Verfassungsschützer und die ehrgeizige Vision eines Euro-Islams, die von Penzberg über München nach ganz Europa ausstrahlen soll. Die Verfassungsschützer weisen darauf hin, dass der Vorsitzende der islamischen Gemeinde Penzberg, Bayram Yerli, schon im Jahre 1999 in seinem Einbürgerungsverfahren über die Bewertung von Milli Görüs als verfassungsfeindliche Organisation belehrt worden sei.

          Dennoch habe der Gemeindevorsitzende noch im Jahr 2005 eine Mitgliedschaft bei Milli Görüs eingestehen müssen, monieren die Verfassungsschützer. Aufschlussreich sei auch, dass die Frau Yerlis noch im Jahre 2004 in einer Übersicht der Frauenorganisation von Milli Görüs als Vorsitzende in Penzberg genannt worden sei. Bayram Yerli sieht sich und seine Frau in ein falsches Licht gerückt: Er will seine Mitgliedschaft bei Milli Görüs im Frühjahr 2006 gekündigt haben und die Beendigung dem Innenministerium schriftlich belegen. Schriftlich soll auch nachgewiesen werden, dass der Frauenbund der Penzberger Gemeinde nie zu Milli Görüs gehört habe.

          Es ist ein Datenmosaik, dessen Bausteine aus Sicht der Verfassungsschützer noch nicht endgültig feststehen. Ein Mosaik, das in der medialen Darstellung überdeckt worden ist durch einen beeindruckenden Reigen Penzberger Stimmen, welche die Arbeit der islamischen Gemeinde würdigen. In einer städtischen Stellungnahme wird der Gemeinde attestiert, ein „Konzept der Integration und eines gangbaren Weges zu einer pluralistischen Bürgergesellschaft“ zu leben. Als Beispiel werden Deutschkurse für muslimische Frauen genannt, mit Kinderbetreuung während der Unterrichtszeit.

          „Angekommene Europäer“

          Für zusätzliche Verwirrung sorgte Anfang dieses Monats, dass dem bayerischen Innenministerium ein Dokument mit dem Schriftzug des „Zentrums für Islam in Europa“ vorlag, in dem von einem „reinen Islam“, den die Kinder kennenlernen müssten, und europäischen Muslimen die Rede war, die „einigermaßen gezwungen“ seien, mit einer nichtmuslimischen Mehrheitsgesellschaft zusammenzuleben. Der Penzberger Imam Idriz distanzierte sich umgehend von diesem Papier; es sei nur als Stellungnahme eines Wiener Religionspädagogen zum geplanten Münchner Zentrum eingeholt worden und entspreche nicht seinen Vorstellungen.

          Idriz stellte statt dessen ein umfangreiches Konzept für das Münchner Zentrum vor, das sich wie ein Handbuch für städtische oder staatliche Integrationsbeauftragte liest. Sowohl die europäische Mehrheitsgesellschaft als auch die Muslime seien vor „neu zu definierende Aufgaben“ gestellt. Es gehe nicht „um ein Aufgeben der religiösen Identität, sondern darum, im Einklang mit der Umgebung überzeugter, praktizierender Muslime und gleichzeitig angekommener Europäer zu sein“. Zwischen „Muslimsein und Bürgersein“ dürfe kein Widerspruch sein; der Islam fordere eine auf die Gesellschaft und auf die Gemeinschaft hin ausgerichtete Identität und verlange von seinen Anhängern, sich aktiv am gesellschaftlichen Leben zu beteiligen.

          „Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Pluralismus“

          In dem Konzept wird eine verblüffende Definition islamischer Glaubensinhalte gegeben: „Das Bekenntnis zu Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Pluralismus und die entschiedene Verurteilung von Extremismus und Fanatismus stellen grundlegende Glaubensprinzipien von Muslimen dar.“ Es sind solche Sätze, die zumindest in manch medialer Perspektive die Rollenverteilung in dem Streit über das Münchner Zentrum endgültig zementieren - auch mit Blick auf die Finanzierung. Als maßgeblicher finanzieller Unterstützer wird der Emir von Sharjah genannt, das zu den Vereinigten Arabischen Emiraten gehört. Er war schon Geldgeber für das Penzberger Gemeindezentrum.

          Der Emir, zweifach promoviert an englischen Universitäten, gilt als liberalster Herrscher der Emirate - wenngleich in Sharjah Alkohol verboten ist und bauchfreie Kleidung als unstatthaft gilt. Er hat sich in Deutschland und in Europa als Förderer der Kultur einen guten Ruf erworben. Im vergangenen Jahr wurde ihm die Ehrendoktorwürde der Universität Tübingen verliehen; er unterstützt seit 1996 ein Ausgrabungsvorhaben der Universität in seinem Emirat.

          In der Würdigung der Universität wurde hervorgehoben, dass der Emir wie kein anderer Herrscher der arabischen Welt zum Dialog der Kulturen beitrage. In der Auseinandersetzung über das geplante „Zentrum für Islam in Europa“ stehen damit auch gewachsene und bewährte internationale Verbindungen auf dem Spiel, die eine rasche Klärung und klare Worte aller Beteiligten erfordern.

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