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„Euroislam“ in Bayern : Der Imam von Penzberg

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Dennoch habe der Gemeindevorsitzende noch im Jahr 2005 eine Mitgliedschaft bei Milli Görüs eingestehen müssen, monieren die Verfassungsschützer. Aufschlussreich sei auch, dass die Frau Yerlis noch im Jahre 2004 in einer Übersicht der Frauenorganisation von Milli Görüs als Vorsitzende in Penzberg genannt worden sei. Bayram Yerli sieht sich und seine Frau in ein falsches Licht gerückt: Er will seine Mitgliedschaft bei Milli Görüs im Frühjahr 2006 gekündigt haben und die Beendigung dem Innenministerium schriftlich belegen. Schriftlich soll auch nachgewiesen werden, dass der Frauenbund der Penzberger Gemeinde nie zu Milli Görüs gehört habe.

Es ist ein Datenmosaik, dessen Bausteine aus Sicht der Verfassungsschützer noch nicht endgültig feststehen. Ein Mosaik, das in der medialen Darstellung überdeckt worden ist durch einen beeindruckenden Reigen Penzberger Stimmen, welche die Arbeit der islamischen Gemeinde würdigen. In einer städtischen Stellungnahme wird der Gemeinde attestiert, ein „Konzept der Integration und eines gangbaren Weges zu einer pluralistischen Bürgergesellschaft“ zu leben. Als Beispiel werden Deutschkurse für muslimische Frauen genannt, mit Kinderbetreuung während der Unterrichtszeit.

„Angekommene Europäer“

Für zusätzliche Verwirrung sorgte Anfang dieses Monats, dass dem bayerischen Innenministerium ein Dokument mit dem Schriftzug des „Zentrums für Islam in Europa“ vorlag, in dem von einem „reinen Islam“, den die Kinder kennenlernen müssten, und europäischen Muslimen die Rede war, die „einigermaßen gezwungen“ seien, mit einer nichtmuslimischen Mehrheitsgesellschaft zusammenzuleben. Der Penzberger Imam Idriz distanzierte sich umgehend von diesem Papier; es sei nur als Stellungnahme eines Wiener Religionspädagogen zum geplanten Münchner Zentrum eingeholt worden und entspreche nicht seinen Vorstellungen.

Idriz stellte statt dessen ein umfangreiches Konzept für das Münchner Zentrum vor, das sich wie ein Handbuch für städtische oder staatliche Integrationsbeauftragte liest. Sowohl die europäische Mehrheitsgesellschaft als auch die Muslime seien vor „neu zu definierende Aufgaben“ gestellt. Es gehe nicht „um ein Aufgeben der religiösen Identität, sondern darum, im Einklang mit der Umgebung überzeugter, praktizierender Muslime und gleichzeitig angekommener Europäer zu sein“. Zwischen „Muslimsein und Bürgersein“ dürfe kein Widerspruch sein; der Islam fordere eine auf die Gesellschaft und auf die Gemeinschaft hin ausgerichtete Identität und verlange von seinen Anhängern, sich aktiv am gesellschaftlichen Leben zu beteiligen.

„Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Pluralismus“

In dem Konzept wird eine verblüffende Definition islamischer Glaubensinhalte gegeben: „Das Bekenntnis zu Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Pluralismus und die entschiedene Verurteilung von Extremismus und Fanatismus stellen grundlegende Glaubensprinzipien von Muslimen dar.“ Es sind solche Sätze, die zumindest in manch medialer Perspektive die Rollenverteilung in dem Streit über das Münchner Zentrum endgültig zementieren - auch mit Blick auf die Finanzierung. Als maßgeblicher finanzieller Unterstützer wird der Emir von Sharjah genannt, das zu den Vereinigten Arabischen Emiraten gehört. Er war schon Geldgeber für das Penzberger Gemeindezentrum.

Der Emir, zweifach promoviert an englischen Universitäten, gilt als liberalster Herrscher der Emirate - wenngleich in Sharjah Alkohol verboten ist und bauchfreie Kleidung als unstatthaft gilt. Er hat sich in Deutschland und in Europa als Förderer der Kultur einen guten Ruf erworben. Im vergangenen Jahr wurde ihm die Ehrendoktorwürde der Universität Tübingen verliehen; er unterstützt seit 1996 ein Ausgrabungsvorhaben der Universität in seinem Emirat.

In der Würdigung der Universität wurde hervorgehoben, dass der Emir wie kein anderer Herrscher der arabischen Welt zum Dialog der Kulturen beitrage. In der Auseinandersetzung über das geplante „Zentrum für Islam in Europa“ stehen damit auch gewachsene und bewährte internationale Verbindungen auf dem Spiel, die eine rasche Klärung und klare Worte aller Beteiligten erfordern.

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