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Eucharistischer Kongress : Rote Ampeln vor dem Tabernakel

„Lux eucharistica“: Der illuminierte Kölner Dom Bild: dpa

Der „Nationale Eucharistische Kongress“ in Köln ist ein Kind des scheidenden Erzbischofs Kardinal Meisner. Gedacht als Gegenveranstaltung zum Katholikentag, will man dort der Verweltlichung des Glaubens entgegentreten.

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          Heinrich Heine hatte es gesehen: „Im Rhein, im schönen Strome, da spiegelt sich in den Wellen, mit seinem schönen Dome, das große, heilige Köln.“ Am Mittwochabend wurden Tausende Zeugen, wie sich für eine halbe Stunde der natürliche Lauf der Dinge umkehrte. Im schönen Dome, da spiegelten sich die Wellen, brachen sich an Säulen und strömten über die Gewölbe. Je dunkler es wurde, desto lebendiger wurden die Motive und so intensiver die Farben. Zum Klang von Orgel und gregorianischem Choral hatten lichtstarke Projektoren den Kirchenraum in eine Vorahnung dessen verwandelt, was eine Stimme das „himmlische Jerusalem“ nannte.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Zwei Mal noch wird sich bis Sonntag dieses psychedelisch anmutende Schauspiel namens „lux eucharistica“ wiederholen, zwei Mal noch Bischöfe am Vormittag mit „Katechesen“ ihre Zuhörer im Glauben unterweisen, zwei Mal noch auf Bühnen und Foren, in Vorträgen und Lesungen das ergründet werden, was der Kölner Kardinal Joachim Meisner am Donnerstagmorgen als das „Größte, Schönste und Kostbarste“ bezeichnete, das es in der Kirche gebe: die wirkliche und bleibende Anwesenheit Christi in den Gestalten von Brot und Wein.

          Rheinländer wollen selten so wie ihr Bischof

          So und nicht anders hatte es sich der mittlerweile 79 Jahre alte Kardinal für sein letztes Jahr an der Spitze des Erzbistums, das im Vergleich mit allen anderen Diözesen noch immer personell wie finanziell vor Kraft strotzt: Ein erster „Nationaler Eucharistischer Kongress“ in der Regie der Bischofskonferenz als Kontrastprogramm zu den von den Laien des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) veranstalteten Katholikentagen. Ein selbstbewusst-konzentriertes Fest des Glaubens anstelle einer weiteren richtungs- und ziellosen Manifestation dessen, was sein Berliner Vorgänger Kardinal Bengsch in den siebziger Jahren als „Dialogbesoffenheit“ des westdeutschen Funktionärskatholizismus gebrandmarkt hatte.

          Doch wenn die Geschichte Kölns eines lehrt, dann das, dass die Rheinländer selten so wollten wie ihr Bischof. Zwar hat man Meisner in den vergangenen 24 Jahren nicht wie manch einen seiner Vorgänger wegen notorischer Unverträglichkeit oder auch im Zorn aus der Stadt gejagt, sondern sich mit dem gebürtigen Schlesier so gut es ging arrangiert. Aber die Begeisterung der Kölner wie auch der meisten Bischöfe aus nah und fern für das Meisnersche Ungetüm namens „Eucharistischer Kongress“ hielt sich bis zuletzt derart in Grenzen, dass schon darüber nachgedacht wurde, den Abschlussgottesdienst am Sonntag aus Angst vor gähnend leeren Rängen nicht im 55000 Plätze bietenden Stadion der Stadt stattfinden zu lassen.

          Doch so weit wird es nicht kommen. Denn wo gefeiert wird, ist der Kölner nicht weit. Vor allem aber hat sich im heiligen Köln die Überzeugung erhalten, dass gerade die alten Ausdrucksformen des Glaubens unübertroffen gut sind, wenn man nur das Richtige aus ihnen macht. Das hatten wohl auch die Schüler aus vielen Regionen der Bundesrepublik gespürt, die am Donnerstagvormittag zu Katechesen mit anschließender Eucharistiefeier in Klassenstärke in die romanischen Kirchen Kölns beordert worden waren. Kardinal Meisner nahm wieder einmal beide Zeigefinger zu Hilfe, um Vergleichen wie dem zwischen der roten Ampel, vor der man anhält, und dem roten Licht am Tabernakel, vor dem man niederkniet, Respekt zu verschaffen.

          Franz-Josef Overbeck, der eine Generation jüngere Bischof von Essen, ließ sich in St. Severin dagegen befragen. Ob er Angst vor dem Tod habe, wollte eine Schülerin wissen. Die Antwort ließ die Zuhörer für einen Moment erstarren. Overbeck erzählte davon, wie er als Achtunddreißigjähriger erfahren habe, dass er an Krebs erkrankt sei und die Überlebenschance ungewiss. Und er erzählte, wie er eine Zeitlang nicht mehr beten konnte und andere für ihn gebetet hätten. Heute, so der Bischof, bete er jeden Morgen um einen guten Tod.

          Das Korsett kirchlicher Selbstreferentialität

          Rede und Antwort stand auch der Trierer Bischof Stefan Ackermann. Die „Pille danach“ erschien ihm eher ein Thema für den Biologie- und den Ethikunterricht als für die ehrwürdige Kirche St. Aposteln, nicht aber der Umgang mit gleichgeschlechtlichen Partnerschaften. Es sei ja nicht so, sagte Ackermann, dass sich Menschen aussuchten, ob sie sich zu Partnern desselben oder des anderen Geschlechtes hingezogen fühlten. So sehr die Kirche an der Überzeugung festhalte, dass der Mensch von Gott als Mann und Frau geschaffen sei, so wenig dürfe sie den Blick vor anderen Realitäten verschließen. Wo Mann und Mann oder Frau und Frau eine Bindung eingingen, komme es aus der Sicht der Kirche auf dasselbe an wie in der Ehe: Treue, Partnerschaft, Verbindlichkeit.

          Doch nicht nur die Katechesen, auch andere Formen sprengten schon am ersten Tag des Eucharistischen Kongresses das Korsett kirchlicher Selbstreferentialität. Museen präsentieren Kunstschätze wie jahrhundertealte liturgische Gewänder („Seide statt Sünde“) oder spüren wie das Diözesane Kunstmuseum Kolumban dem Geheimnis der Eucharistie unter dem Motto „trotz Natur und Augenschein“ in einer Verschränkung von kunsthistorischen sowie literarischen Perspektiven nach

          Nicht nur diese Ausstellungen und die Bilder eines verwandelten Domes werden die Tage des Eucharistischen Kongresses überdauern. Untrennbar verbunden sein mit diesem Ereignis wird auch die Erinnerung an einen unbeugsam-unbequemen Kardinal, der gegen alle Widerstände in Gestalt des viertägigen Glaubensfestes eine neue Farbe in den zunehmend mut- und farblosen Katholizismus bringen wollte - und gebracht hat.

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