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Ethikrat zu Selbsttötung : „Es gibt keine Pflicht, zu leben“

Eine Option zur Selbsttötung haben: Ein 83 Jahre alter Mann in Bayern in seiner Wohnung (Symbolbild) Bild: dpa

Die Sterbehilfe soll reformiert werden. Aber was heißt es eigentlich, sich frei verantwortlich für den Suizid zu entscheiden? Die Diskussion darüber läuft – auch im Ethikrat.

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          Was heißt es eigentlich, sich frei verantwortlich für das Sterben und den Suizid zu entscheiden? Gibt es ein Recht auf Sterben und die Suizidbeihilfe? Das sind Fragen, die sich aus dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 26. Februar dieses Jahres ergeben. Die Richter hatten das 2015 verabschiedete Verbot der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung – Paragraph 217 Strafgesetzbuch – für verfassungswidrig erklärt. Sterbehilfevereine, die der Gesetzgeber damit bekämpfen wollte, können also wieder tätig sein. Bisher gibt es keine Vorschläge zu einer möglichen Neuregelung, die Diskussion ist im Gange.

          Heike Schmoll
          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte um Stellungnahmen aus Medizin und Recht gebeten, wie durch ein neues „legislatives Schutzkonzept“ insbesondere Freiwilligkeit, Ernsthaftigkeit und Dauerhaftigkeit des Sterbewunsches bei einer Suizidbeihilfe sichergestellt werden könnten. Der Ethikrat hat sich in ad hoc-Stellungnahmen schon 2014 und 2017 dazu geäußert und sich am Donnerstag in Berlin in einer ersten Anhörung mit den medizinisch-psychologischen, philosophisch-ethischen, theologischen verfassungsrechtlichen und strafrechtlichen Perspektiven befasst.

          „Wir neigen dazu, einen Suizidwunsch im Zusammenhang mit dem Ende des Lebens zu bringen, doch es gibt auch andere Situationen“, sagte der Heidelberger Gerontologe Andreas Kruse und verwies darauf, dass jeder Suizid etwas mit Isolation zu tun habe. Vor allem die Demenz-Diagnose rufe bei vielen Betroffenen Suizid-Vorstellungen hervor. Anderen Menschen zur Last zu fallen und nicht mehr gebraucht zu werden, gehört laut Kruse zu den zentralen Gründen eines Suizids. Die Gesellschaft müsse deswegen Sorge dafür tragen, dass Menschen in ihrer Angewiesenheit auf soziale Beziehungen begleitet werden, sagte Kruse.

          Er beschrieb seine Sicht als „tief geprägt“ von der Ehrfurcht vor dem Leben nach dem Vorbild Albert Schweitzers und warb dafür, den Sterbewilligen „Störfragen“ zu stellen. Ob es Bereiche gebe, die sie in besonderer Weise an das Leben binden zum Beispiel. „Es gibt aber keine Pflicht zu leben“, meinte Kruse. Die Entscheidung, dem eigenen Leben ein Ende zu setzen „haben wir nicht zu qualifizieren“, sagte er.

          Eine beschränkte Freigabe der aktiven Sterbehilfe?

          Der Bayreuther Verfassungsrechtler Stephan Rixen verwies darauf, dass das Bundesverfassungsgericht in seiner Urteilsbegründung Selbstbestimmung als „relational verfasst“ betrachtet hat und ein legislatives Schutzkonzept die Fähigkeit zu selbstbestimmtem Handeln im Austausch mit anderen entwickelt wird. Das heißt konkret, zu einem nicht-suizidalen Umgang mit einer Grenzsituation zu ermutigen, aber gleichzeitig den Suizidwunsch des Betroffenen ernst zu nehmen, ohne diesen als richtig oder falsch zu qualifizieren.

          In der Dimension der Beziehung zu anderen sieht Rixen eine Möglichkeit, den bisher in der Diskussion oft bemühten vermeintlichen Gegensatz von Selbstbestimmung auf der einen und Menschenwürde auf der anderen Seite aufzubrechen. Ein solcher Ansatz trage dazu bei, dass sich der assistierte Suizid in der Gesellschaft nicht als normale Form der Lebensbeendigung durchsetzt.

          Die Kölner Strafrechtlerin Frauke Rostalski schlug bei der digitalen Anhörung und Diskussion eine beschränkte Freigabe der aktiven Sterbehilfe vor. Zu einem freien Leben gehört für sie auch das freie Sterben. Daraus, dass Karlsruhe dem Recht auf selbstbestimmtes Sterben eine hohe Bedeutung zumesse, lasse sich ableiten, dass auch das pauschale strafrechtliche Verbot der aktiven Sterbehilfe überdacht werden müsse.

          In den Niederlanden, Belgien und Luxemburg ist aktive Sterbehilfe unter bestimmten Voraussetzungen straffrei. Um Schwache vor dem Druck anderer zu schützen, ihr Leben zu beenden, hat sie für einen neuen Straftatbestand plädiert, der die „unerlaubte Veranlassung oder Förderung“ einer Selbsttötung oder einer Tötung auf Verlangen unter Strafe stellt.

          „Der Wunsch nach Suizid ist zu respektieren und nicht zu pathologisieren“

          Der Siegener Philosoph Carl Friedrich Gethmann warnte davor, das komplexe Problem der Selbsttötung unzulässig zu vereinfachen – zum Beispiel auf Kranke und Sterbenskranke, die Debatte über die Beihilfe auf Sterbehilfevereine zu verengen und den Suizid zu pathologisieren. Er erkennt in der öffentlichen Debatte noch immer einen verdeckten Illegitimitätsverdacht. „Der Wunsch nach Suizid ist zu respektieren und nicht zu pathologisieren“, sagte Gethmann. Für ihn hat auch der schwerkranke Patient bis zu einem bestimmten Grad Handlungsurheberschaft. Gleichwohl habe die Selbstbestimmung Grenzen, sowohl faktisch als auch normativ.

          Der Tübinger Moraltheologe Franz-Josef Bormann beschrieb die Spannung zwischen dem individuellen Wunsch nach dem Sterben und den religiösen Grundaussagen über das Menschen geschenkte Leben. Eine Pflicht zur „Lebenserhaltung um jeden Preis“ gebe es allerdings nicht.


          Hilfe bei Suizidgedanken

          Wenn Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, versuchen Sie, mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Es gibt eine Vielzahl von Hilfsangeboten, bei denen Sie – auch anonym – mit anderen Menschen über Ihre Gedanken sprechen können.

          Das geht telefonisch, im Chat, per Mail oder persönlich.

          Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222.
          Der Anruf bei der Telefonseelsorge ist nicht nur kostenfrei, er taucht auch nicht auf der Telefonrechnung auf, ebenso nicht im Einzelverbindungsnachweis.

          Ebenfalls von der Telefonseelsorge kommt das Angebot eines Hilfe-Chats. Die Anmeldung erfolgt auf der Webseite der Telefonseelsorge. Den Chatraum kann man auch ohne vereinbarten Termin betreten. Sollte kein Berater frei sein, klappt es in jedem Fall mit einem gebuchten Termin.

          Das dritte Angebot der Telefonseelsorge ist die Möglichkeit der E-Mail-Beratung. Auf der Seite der Telefonseelsorge melden Sie sich an und können Ihre Nachrichten schreiben und Antworten der Berater lesen. So taucht der E-Mail-Verkehr nicht in Ihren normalen Postfächern auf.

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