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Klingbeil an Parteispitze : Konservativ und anpassungsfähig

  • -Aktualisiert am

Sollen das künftige Spitzen-Duo abgeben: Saskia Esken spricht mit Lars Klingbeil Bild: dpa

Das ungleiche Duo aus Saskia Esken und Lars Klingbeil soll die SPD führen. Kann das gut gehen? Ja. Klingbeil hat den nötigen kühlen Kopf. Sein Ziel wird sein: Scholz’ Kanzlerschaft nicht nach vier Jahren enden zu lassen.

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          SPD – die Partei der Überraschungen. Denn einer ihrer jüngsten Spitzenpolitiker, Lars Klingbeil, 43 Jahre alt, gehört zu denen, die schon am längsten dabei sind. Er hat ein halbes Dutzend Parteivorsitzende erlebt, ertragen, geführt. Darunter waren sehr verschiedene Charaktere, etwa Martin Schulz, Andrea Nahles und eben Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans. Klingbeil wird nun selbst Parteivorsitzender werden, zusammen mit Esken. Kann das gut gehen? Immerhin hatte sich Klingbeil bei der vergangenen Vorsitzendenwahl klar für das Duo aus Olaf Scholz und Klara Geywitz ausgesprochen. Trotzdem lautet die Antwort: Ja, das kann gut gehen.

          Das liegt zunächst einmal an den Personen selbst. Esken behauptet, die SPD erfolgreich zwei Jahre geführt zu haben. Was stimmt – und auch wieder nicht. Denn Esken und Walter-Borjans mussten ihr großes Versprechen vom Winter 2019, die SPD aus der großen Koalition zu führen, ganz schnell wieder einsammeln. Sie haben nicht gehalten, wofür sie gewählt wurden. Die Widerstände waren schlicht zu groß. Das fiel in der Partei nur nicht so sehr auf, weil bald die Pandemie losbrach und selbst die größten Kritiker der großen Koalition erkannten, dass es nun eine stabile Bundesregierung braucht.

          Esken fiel dann zwar immer mal wieder mit erstaunlichen bis erschreckenden Kommentaren auf. Sie fand, es gebe bei den deutschen Sicherheitskräften einen „latenten Rassismus“. Als Donald Trump die Antifa verbieten wollte, twitterte sie: „58 und Antifa. Selbstverständlich.“ Sie forderte den Abzug der deutschen Soldaten aus dem Irak und nannte Steuersenkungen „gefährlich“. Die CDU versuchte im Bundestagswahlkampf, Esken zur Protagonistin einer Rote-Socken-Kampagne zu machen. Das wollte aber nicht so richtig zünden.

          Erstaunlich anpassungsfähig

          Und das hing auch mit der anderen Person im neuen Duo zusammen, mit Klingbeil. Klingbeil gehört zu den konservativen Sozialdemokraten. Er ist wohl der einzige in der Führungsspitze, der bei laufendem Band positiv über den früheren Kanzler Gerhard Schröder spricht. Gegen dessen Politik hatte der Niedersachse Klingbeil einst demonstriert, dann arbeitete er für ihn. Schon damals zeigte sich Klingbeils erstaunliche Anpassungsfähigkeit. Ist das Beliebigkeit? Wohl eher die notwendige Flexibilität, die es braucht, um weit oben in der Politik zu überleben. Er wird Esken die Freiräume an der Parteispitze geben, die sie braucht, damit die Basis, die Esken noch immer als ihre Vertreterin ansieht, weitgehend zufrieden ist.

          Als die SPD am Boden lag, vor allem nach dem Rücktritt von Andrea Nahles als Parteichefin und Fraktionsvorsitzende, behielt Klingbeil einen kühlen Kopf. Schon das ließ ihn aus dem chaotischen Haufen herausragen. Und es ist ein Grund, warum er mit Kevin Kühnert gut klarkommt. Die beiden stehen in vielen politischen Fragen zwar an unterschiedlichen Enden. Aber sie erkennen die Professionalität des jeweils anderen an, auch die Zuverlässigkeit was Absprachen angeht. Das verbindet.

          Klingbeil ist ein äußerst umgänglicher, freundlicher, aber nicht kumpelhafter Typ mit realistisch, nüchternem Blick. Er hat die umfassende Fehleranalyse, die die SPD nach der Bundestagswahl 2017 anfertigen ließ, ernst genommen. Als einer der wenigen. Auch als die SPD in Umfragen noch bei 16 Prozent stand und die Grünen alle überflügelten, stand für ihn fest: Der Hauptgegner ist die Union. Er sollte Recht behalten. Auch damit: Die Wähler werden irgendwann merken, dass Angela Merkel nicht mehr antritt.

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          Wollen sie dann den großen Wandel? Wohl eher nicht. Sie entscheiden sich eher für das Politik-Möbelstück (Geywitz) Scholz, das schon eine ganze Weile im Raum steht, an das man sich gewöhnt hat und von dem man weiß, was man hat. Sollen die Grünen ruhig weiter von den großen Umbrüchen reden. Die SPD ist der Stabilitätsanker. Dass dieses Motiv verfängt, hat der Generalsekretär Klingbeil früh verstanden. Sein Ziel als Parteivorsitzender wird ab Tag 1 sein, dass die Kanzlerschaft von Scholz nicht nach vier Jahren endet.

          Mehr Manager als Vordenker

          Nach der erfolgreichen Wahlkampagne führte an ihm nun kein Weg mehr vorbei. Er musste sich vermutlich nur entscheiden, ob er Minister unter Scholz werden wollte oder eben Parteichef. Er hat sich für das Amt mit weniger Sendezeit entschieden. Aber das muss nicht zu seinem Nachteil sein. Klingbeil hat sich für bewaffnete Drohnen ausgesprochen, will die Digitalisierung voran bringen – und sonst? Man weiß nicht wirklich, wofür Klingbeil politisch konkret steht. Er ist mehr Manager als Vordenker.

          Umgänglicher Typ: Lars Klingbeil will SPD-Vorsitzender werden.
          Umgänglicher Typ: Lars Klingbeil will SPD-Vorsitzender werden. : Bild: dpa

          Mitte Dezember wird Klingbeil auf dem Parteitag gewählt werden. Die Zeiten, in denen die SPD so etwas wie eine Mitgliederbefragung über diese Frage angeleiert hätte, sind vorbei. Natürlich, denn die SPD ist jetzt erfolgreich, sie wird bald Kanzlerpartei sein. Die Mitglieder dürfen dann ran, wenn es einer Partei schlecht geht – siehe CDU.

          Die SPD hat nun noch eine Personalfrage zu klären. Wer wird Generalsekretär – oder Generalsekretärin? Denn dass es eine Frau werden soll, dieser Ruf wird kommen. Bei der Bundestagspräsidentin war er erfolgreich. Ist die Männerpartei SPD damit erstmal zufrieden? Es gibt ja auch noch andere Proporz-Überlegungen, die man ins Feld führen könnte. Etwa: Die Partei muss noch jünger werden. Das käme Kevin Kühnert entgegen. Der rechnete sowieso damit, dass der Posten des Generalsekretärs frei wird. Entscheidend wird jetzt sein, wie laut die Rufe nach ihm sind. Etwa von seinem Kumpel Lars Klingbeil.

          Mona Jaeger
          Stellvertretende verantwortliche Redakteurin für Nachrichten und Politik Online.

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