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Mangel an Landärzten : Gleich um die Ecke

Wolfgang Adam - Der Kinderarzt kämpft für den Ort Rahden um eine gute medizinische Versorgung in ländlichen Gebieten Bild: Daniel Pilar

Wolfgang Adam ist seit dreißig Jahren Landarzt. Die Nähe zu den Patienten, nächtliche Hausbesuche im Schlafanzug, Kurzvisiten beim Brötchenholen - das ist sein Leben. Junge Ärzte verstehen das nicht.

          10 Min.

          Da ist es“, sagt Wolfgang Adam und zeigt auf das rote Backsteinhaus, an dem sich wilder Wein wuchtig die Fugen entlangrankt. „Es ist einfach schön“, schiebt er hinterher, als müsse das mal wieder laut gesagt werden. 1988 stand er zum ersten Mal vor der weißen Flügeltür des Hauses. Damals hatte er sich gewünscht, dass dahinter mal sein Lebenswerk liegt. Er schließt auf und zeigt es: sieben bunt bemalte Behandlungsräume, zwei eng bestuhlte Wartezimmer, 30 Jahre medizinische Erfahrung, gebündelt in Tausenden Patientenakten.

          Lucia Schmidt

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Adam übernahm Ende der achtziger Jahre die Kinderarztpraxis in Rahden von einem Kollegen, der wieder im Krankenhaus arbeiten wollte. 70-Stunden-Wochen, unkalkulierbares Einkommen, immer im Einsatz - das war für seinen Kollegen keine Erfüllung. Er wollte weg vom Land. Wolfgang Adam wollte hin. Für ihn gibt es keinen besseren Ort für seine Arbeit.

          Arzt zu sein bedeutet für ihn gerade das: die Nähe zu den Patienten, nächtliche Hausbesuche im Schlafanzug, Kurzvisiten beim Brötchenholen. Die Frage, warum sein Kollege das damals nicht wollte, beschäftigte ihn im Winter 1988 nur kurz. Geschmacksache, Typfrage, andere Lebensplanung. Damit war das Thema abgehakt. Heute allerdings lässt ihn die Frage, warum kein Mediziner mehr das machen will, was seit Jahrzehnten sein Traumberuf ist, nicht mehr los.

          Wolfgang Adam ist Kinderarzt auf dem Land. Rahden hat 16.000 Einwohner, die im äußersten Zipfel von Nordrhein-Westfalen leben, neunzig Kilometer von Bremen, fünfzig Kilometer von Osnabrück entfernt. Etwas ab vom Schuss liegt Rahden, aber in keiner ausgestorbenen Gegend. Schulen, Cafés, Kindergärten, ein Schwimmbad, ein Kino - alles da. Doch selbst das reicht heute nicht mehr, um junge Mediziner anzulocken. Der Ärztemangel hat in Deutschland Landstriche erreicht, die über die Beschreibung „abgeschieden und verlassen“ echauffiert wären. Nicht zu Unrecht. Es sind keine Käffer, es sind Kleinstädte.

          Immer weniger ärztliche Versorgung in Kleinstädten

          Noch steht es um die medizinische Versorgung in Rahden nicht so ernst wie in den totgesagten Landschaften von Nordhessen und der Eifel. Aber die Kleinstadt geht mit großen Schritten darauf zu. Ihre Ärzteschaft ist überaltert. Junge Mediziner kommen nicht nach. Das Durchschnittsalter der Ärzte in der Region ist 55 Jahre. Bis 2019 wird fast jeder dritte Hausarzt in Rahden und Umgebung in den Ruhestand gehen, auf die kommenden zehn Jahre gesehen, wird es jeder zweite sein. Bei den Kinderärzten ist die Situation noch gravierender. Mehr als die Hälfte sind älter als 55. Einen Haut- und einen Augenarzt gibt es schon lange nicht mehr. Adam selbst wird Ende des Jahres 65.

          Adam ist auf dem Weg zum Café Creativ, „es liegt gleich um die Ecke“ seiner Praxis. Überhaupt scheint in Rahden alles um die Ecke von Adams Praxis zu liegen. Zu seinem Wohnhaus sind es 700 Meter, zum Rathaus 500 Meter, zur Grundschule 600 Meter. Adam ist stolz auf das, was er in den vergangenen 26 Jahren in Rahden aufgebaut hat. Daraus macht er keinen Hehl. Dort ist er wer.

          Von Jahr zu Jahr ist das Team seiner Gemeinschaftspraxis gewachsen und in ihm das Landlust-Feeling. Deshalb verletzt es ihn auch so, dass man dafür heute keine jungen Menschen mehr begeistern kann. Die Zeiten haben sich geändert, die Voraussetzungen und Wahlmöglichkeiten für Nachwuchsärzte sogar gravierend. Überhaupt sind die Ansprüche ans Leben andere als früher. Das ist Adam bewusst, er hat selbst drei Kinder. Aber einfach zuzusehen, wie Rahden auf eine unzureichende medizinische Versorgung zusteuert, kommt für ihn nicht in Frage.

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