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Unterkunft für Flüchtlinge : Bauen zwischen Wunsch und Wirklichkeit

So weit, so gut – oder auch nicht. Denn Wohnungen in diesem Preissegment waren schon vor Beginn der Flüchtlingskrise heiß begehrt. „Es gibt niemanden, auch keine ehemals gemeinnützigen Gesellschaften, die heute neuen Wohnraum für weniger als elf, wenn nicht zwölf Euro je Quadratmeter errichten können.“ Dacol hat eine Grafik vorbereitet. „Seit dem Jahr 2000 haben sich die Gestehungskosten pro Quadratmeter Wohnraum aufgrund politischer Vorgaben um ein Drittel erhöht“, sagt er.

Energiewende, Barrierefreiheit, Stellplätze, Kitas – „was die Politik beschließt, treibt die Preise“. Das Ergebnis: In den Städten entsteht Wohnraum im Hochpreissegment in Hülle und Fülle, Wohnraum für den kleinen Geldbeutel wird seit Jahren kaum noch gebaut.

Wer bekommt die Wohnung?

Dabei fehlt es der Aachener weder an Ideen noch an Eigeninitiative. In Berlin-Neukölln hat die Gesellschaft vor vier Jahren ein Haus aus der Gründerzeit gekauft, saniert und in eine Wohnanlage für Roma verwandelt, in Wedding hat Woelki als Erzbischof von Berlin unter dem Dach eines Hauses gewohnt, das die Aachener vor dem Abriss bewahrt hat. Nostel heißen elf Wohnungen, über den Bestand in Berlin verteilt, in denen ausschließlich kinderreiche Flüchtlingsfamilien für einen Monat unterkommen können, um sich mit Hilfe von Integrationslotsen auf ein Leben in Deutschland vorzubereiten.

Doch Projekte wie diese sind angesichts der steigenden Zahl der Neuankömmlinge nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. An den Ursachen der Wohnungsnot ändern sie nichts. Die Schere zwischen Bautätigkeit und Bedarfsprognose öffnet sich seit 2008 jedes Jahr mehr.

Also konkurrieren auch bei der „Aachener“ potentielle Mieter mit kleinem Geldbeutel längst mit Flüchtlingen um jede Wohnung. „Wir sehen uns jeden Einzelfall an“, beteuert Dacol. Gut 150 Flüchtlinge sind nach seinen Worten bei der Aachener im normalen Bestand untergekommen. Was umgekehrt heißt: Ebenso viele andere Bewerber hatten das Nachsehen – und das womöglich nicht zum letzten Mal.

Denn an schnell realisierbare Neubauprojekte im früher so genannten sozialen Wohnungsbau ist nicht zu denken. Die schier endlosen Genehmigungsverfahren, mit denen es Bauträger zu tun haben, sind nur eine von vielen Hürden. „Für Wohnungen, die in drei Jahren fertig sein wollen, müssen wir schon heute die Grundstücke kennen“, sagt Dacol. Die aber sind in Ballungsräumen nahezu unerschwinglich, und keine Kommune geht von dem Höchstpreisprinzip bei der Vergabe von Grundstücken ab.

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Hinzu kommen immer neue kostentreibende Auflagen, energetische Anforderungen und technische Bestimmungen, die die Gestehungskosten immer weiter in die Höhe treiben. Dacol plädiert für staatliche Investitionszuschüsse und veränderte Abschreibungsregelungen, um wenigstens einigermaßen zügig neuen, preisgebundenen Wohnraum zu schaffen.

Auch Bundesbauministerin Barbara Hendricks (SPD) spricht sich inzwischen dafür aus, gewisse Abschreibungsregelungen befristet wiedereinzuführen. Zudem hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bei ihrem Besuch in Heidenau angekündigt, dass die Bundesregierung das Bau- und Vergaberecht anpassen wolle, damit Kommunen schneller Flüchtlingsunterkünfte bereitstellen könnten.

Die Stadt Köln weiß von Tag zu Tag weniger, wohin mit den Flüchtlingen, allen voran wegen der steigenden Zahl der unbegleiteten Minderjährigen. Zwanzig von ihnen können womöglich in diesem Herbst in die kleinen Zimmer des denkmalgeschützten, mit Geld des Erzbistums kostspielig umgebauten Pfortenhauses des ehemaligen Klarissenklosters in Köln-Kalk einziehen.

Heidenau : Ein Fest für Flüchtlinge

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