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Erzbistum Köln : Rascheln im Klingelbeutel

Schätze des Bistums: der Reliquienschrein des Heiligen Simon in der Domschatzkammer in Köln Bild: dpa

Das Erzbistum Köln hat erstmals sein stolzes Vermögen offengelegt: 3,35 Milliarden Euro. Eine obszön hohe Summe in einer Zeit, in der Papst Franziskus von einer armen Kirche für die Armen schwärmt?

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          In der katholischen Kirche hat an diesem Mittwoch eine neue Zeitrechnung begonnen. Als erstes der finanz- und mitgliederstarken Bistümer hat die Erzdiözese Köln eine vollständige Bilanz und eine Ergebnisrechnung aller Rechtsträger im direkten Umfeld der Erzdiözese vorgelegt: des Erzbistums, des Erzbischöflichen Stuhls, der Hohen Domkirche, des Metropolitankapitels sowie des Priesterseminars und annähernd hundert unselbständiger Stiftungen. Mehr noch: Auch wenn die Kirche kein Wirtschaftsunternehmen ist, wurde die Bilanz des Erzbistums und des Erzbischöflichen Stuhls nach den Anforderungen des Handelsgesetzbuchs (HGB) an große Kapitalgesellschaften erstellt und hat von einem Wirtschaftsprüfungsunternehmen ein Volltestat erhalten.

          Daniel Deckers
          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          „Transparenz“ nennt das Stefan Heße, der an diesem Mittwoch einen seiner letzten Termine als Generalvikar des Erzbistums wahrnimmt. Mitte März wird er in Hamburg zum Bischof geweiht und die Leitung der – nach ihrer Fläche beurteilt – größten Diözese in Deutschland übernehmen. Auch dort gibt es, wie in Hildesheim, Essen oder Osnabrück, einen Geschäftsbericht, und das nicht erst seit den Finanzmanipulationen im Bistum Limburg. Aber mit der Bilanz der Erzbistums Köln, die in der Verantwortung Heßes und des Kölner Finanzdirektors Hermann-Josef Schon erstellt wurde, ist der Hamburger Bericht in mehrerer Hinsicht nicht zu vergleichen. Nicht nur, dass das 1995 gegründete Erzbistum Hamburg in einem Jahr seinen nicht einmal 800 Mitarbeitern kaum mehr an Löhnen auszahlt als das 4400 Mitarbeiter zählende Erzbistum Köln innerhalb eines Monats: 23 bis 24 Millionen Euro. Am Rhein wird erstmals für die zentralen Rechtsträger Rechenschaft abgelegt über die Herkunft und die Verwendung der Finanzmittel, Art und Umfang des Vermögens eingeschlossen.

          In der Tat kann sich das Zahlenwerk vom Rhein sehen lassen – doch ein erster Blick in die Bilanz des Jahres 2013 dürfte vielen die Sprache verschlagen; 3,35 Milliarden Euro stehen auf der Aktiva-Seite der Bilanz – eine fast obszöne hohe Summe in einer Zeit, in der Papst Franziskus von einer armen Kirche für die Armen schwärmt – die noch nicht einmal das Vermögen der rund 500 rechtlich selbständigen Kirchengemeinden erfasst.

          Doch in Köln mag man nicht zu erkennen, warum man sich für diese Bilanz schämen müsste. Die Grundstücke und Gebäude des Erzbistums etwa, die in der Bilanz unter „Sachanlagen“ mit annähernd 650 Millionen Euro bewertet sind, bringen zu 80 Prozent keinen wirtschaftlichen Ertrag, sondern wollen kontinuierlich erhalten und mitunter auch erneuert werden: Fast die Hälfte dieses Vermögenswertes entfällt auf die Schulen des Erzbistums, mehr als ein Drittel auf kirchliche Gebäude und Tagungshäuser. Wo ist das Problem? Vielleicht bei den Finanzanlagen, die mit immerhin 2,4 Milliarden Euro in der Bilanz stehen?

          In Gestalt von Pensionsansprüchen, Rückstellungen und zweckgebundenen Rücklagen, etwa zum Erhalt von rund 600 denkmalwerten Kirchen und Kapellen, stehen den Aktiva auf der Passiva-Seite bilanzielle Verpflichtungen gegenüber, die sich auf etwa 1,65 Milliarden Euro belaufen. In sich hat es aber auch die Anlagestrategie des Erzbistums. Es würden keinerlei Anlagen getätigt, die den ethisch-moralischen Normen der Kirche widersprächen, heißt es in Köln selbstbewusst. Also keine Beteiligung etwa an der Nippon Railway Company, weil diese auch Abtreibungskliniken betreibt, „seit Jahrzehnten“ keine Anlageformen, bei denen das Risiko besteht, dass Kinderarbeit oder Waffenproduktion im Spiel sind, und keine Beteiligung an Hedgefonds und Private Equity – „wegen deren meist kurzfristiger Gewinnmaximierung“.

          Nicht, dass Unternehmensbeteiligungen in Köln ein Tabu wären. Das wären unter anderem 42 Prozent am Stammkapital der Aachener Siedlungs- und Wohnungsbaugesellschaft, was einem Buchwert von 15,3 Millionen Euro entspricht, der seinerseits ein Vielfaches unter dem Marktwert liegt. Doch an eine Veräußerung der Anteile ist in Köln nicht im Traum gedacht. Warum? Rund 11.600 eigene Wohnungen und Gewerbeeinheiten hat die „Aachener“ in ihrem Bestand – der durchschnittliche Mietzins bei Wohnungen liegt bei 5,66 Euro je Quadratmeter. „Wohnraum für Gering- und Mittelverdiener“, das sei der Auftrag der Aachener, sagt Schon. Sozialpolitik auf katholisch.

          Ähnlich argumentiert man in Köln im Blick auf viele andere Ausgabenposten: 60 Millionen Euro sind allein im Jahr 2013 in den Ausbau und die Modernisierung der 671 katholischen Kindertagesstätten geflossen, 50 Millionen und damit fast zehn Prozent der Kirchensteuermittel des Jahres 2013 kamen der Arbeit der Caritas zugute, 28 Millionen Euro kosteten das Erzbistum die 32 Schulen mit ihren rund 23.000 Schülern, 21 Millionen Euro waren für Mission und Entwicklungshilfe gedacht. „Was wir einnehmen, geben wir eins zu eins an die Menschen zurück“, sagt Schon.

          3,35 Milliarden Euro: Die Bilanzsumme des Erzbistums Köln mit seinen zwei Millionen Katholiken entspricht der einer Stadt wie Wuppertal mit etwa 340.000 Einwohnern. Doch nicht nur in Kommunen wie dieser kann man nur davon träumen, dass die Erträge und Überschüsse die laufenden Ausgaben und hohe Investitionen decken, dass dauerhafte Lasten und Verpflichtungen ausfinanziert sind und dass es Ausgleichspuffer für schwankende Aufwendungen und Erträge gibt – und das alles bei Erhalt des Eigenkapitals in seiner Substanz.

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