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Erstochener Asylbewerber : Viele offene Fragen

  • -Aktualisiert am

Blumen und Kerzen vor dem Gebäude der sächsischen Landesvertretung in Berlin. Sie wurden in Gedenken an einen 20 Jahre alten afrikanischen Asylbewerber abgelegt, der am 13. Januar in Dresden durch Messerstiche getötet wurde. Bild: dpa

Nach dem Tod eines afrikanischen Asylbewerbers ging die Polizei zunächst nicht von einem Tötungsdelikt aus. Dann stellte sich heraus, dass Khaled I. erstochen wurde. Der Fall hat viele Spekulationen ausgelöst - auch weil die Stimmung in der Stadt wegen Pegida aufgeladen ist.

          Auf dem Foto, das von ihm geblieben ist, schaut der junge, schlanke Mann unsicher in die Kamera. In grauer Trainingsjacke, Jeans und Turnschuhen steht er vor einem Plattenbau in Dresden, die Bäume hinter ihm sind bereits kahl. Im Herbst ist das Bild aufgenommen, vermutlich kurz nachdem Khaled I., gerade 20 Jahre alt, aus Eritrea nach Dresden gekommen war. Gemeinsam mit sechs Asylbewerbern ähnlichen Alters hatte ihn die Stadt in einer Vierraumwohnung im Dresdner Osten einquartiert.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Am Dienstagmorgen entdeckten Passanten den Mann tot im Innenhof der Plattenbausiedlung, in der er wohnte. Seit Mittwochabend steht fest, dass Khaled I. erstochen wurde. „Die Obduktion hat ergeben, dass er durch mehrere Messerstiche in den Hals- und Brustbereich zu Tode gekommen ist“, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft Dresden, Lorenz Haase. Inzwischen werde wegen Totschlags ermittelt, die Mordkommission der Dresdner Polizei sei auf 25 Beamte aufgestockt.

          Die Ermittler sicherten am Donnerstag Spuren in der Wohnung des Getöteten, werteten Videomaterial aus öffentlichen Verkehrsmitteln aus und befragten mögliche Zeugen in einem angrenzenden Supermarkt, in den der junge Mann nach Aussagen seiner Mitbewohner am Montagabend gehen wollte. Danach wurde er offenbar nicht mehr gesehen. Bis zum Donnerstagabend hatte die Polizei die Tatwaffe nicht gefunden, auch ein Motiv oder einen Tatverdächtigen gebe es laut Haase bisher nicht.

          Vertrauen in Polizei ist angeschlagen

          Der gewaltsame Tod des jungen Asylbewerbers fällt in eine durch die Pegida-Demonstrationen aufgeheizte Stimmung in der Stadt. Von nahezu allen Seiten wird deshalb betont, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen. Dresdens Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU) sagte, dass sie „sehr geschockt“ sei und dass der Tod des jungen Mannes „viele Fragen aufwirft“. Sie hoffe sehr, dass Polizei und Staatsanwaltschaft diese Fragen schnell klärten. Sie habe diesbezüglich aber „vollstes Vertrauen in die Sicherheitsbehörden“.

          Das Vertrauen ist allerdings angeschlagen, da die Polizei noch am Dienstagnachmittag erklärt hatte, dass sie „keine Anhaltspunkte für Fremdeinwirkung“ habe und erst einen Tag nach dem Auffinden des Toten Spuren sicherte. Der Bundestagsabgeordnete Volker Beck (Grüne) hatte deshalb am Donnerstag bei der Staatsanwaltschaft Dresden Strafanzeige gegen unbekannt wegen Strafvereitelung im Amt gestellt.

          Der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Lorenz Haase, bestätigte gegenüber der F.A.Z. den Eingang der Strafanzeige, erklärte aber zugleich, dass sich das Ermittlungsverfahren im Fall Khaled I. nicht von anderen Fällen unterscheide.

          So habe der Arzt auf dem Totenschein den Verdacht auf eine nicht natürliche Todesursache angekreuzt und die Polizei eine Obduktion angeordnet; die Beamten seien zunächst von einem Sturz aus dem Fenster ausgegangen. Erst bei der Obduktion am Mittwochmorgen seien die Stichverletzungen festgestellt worden, woraufhin die Mordkommission die Ermittlungen aufgenommen habe.

          Der Fall war am Donnerstag auch Thema im Innenausschuss des Sächsischen Landtages. Dort habe die Polizei eine „anfängliche Fehleinschätzung bei der Todesursache aufgrund der Auffindesituation“ eingeräumt, sagte der innenpolitische Sprecher der Grünen, Valentin Lippmann. Er hoffe nicht, dass dadurch Spuren verloren gegangen seien.

          Die Stadt Dresden beauftragte unterdessen das Sozialamt, sich um die Mitbewohner Khaled I.s zu kümmern. Noch am Mittwoch waren rund 200 Asylbewerber in einer Spontandemonstration zum Dresdner Albertinum gezogen, wo Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) zum Neujahrsempfang geladen hatte. Mehrere Flüchtlinge äußerten, inzwischen große Angst zu haben.

          Integrationsministerin Petra Köpping (SPD) sprach den Demonstranten ihr Mitgefühl und Beileid aus und versprach, dass die Landesregierung alles tun werde, um den Fall aufzuklären. „Ich möchte, dass Sie angstfrei in Sachsen leben“, sagte Köpping.

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