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Die letzten Tage eines Reservisten

LORENZ HEMICKER

14.11.2022 · Ein Brite und ein Deutscher haben anhand eines Gewehrs das Schicksal eines deutschen Gefallenen aus dem Jahr 1915 rekonstruiert. Ihre Ergebnisse sind atemberaubend präzise.

Kanonenfutter: Seit Russland wieder Männer jedes Alters in Uniformen steckt und an Fronten karrt, ist der Begriff in unseren Wortschatz zu­rückgekehrt. Im Ukrainekrieg des Jahres 2022 wird mitunter fast in Echtzeit berichtet, wie die Rekruten des Kremls „verheizt“ werden. Vor über 100 Jahren war das unvorstellbar. Wer an den Fronten im Westen wie im Osten fiel, dessen Schicksal blieb allzu oft unbekannt. Dem britischen Historiker David Allton und seinem deutschen Kollegen Robin Schäfer ist es nun gelungen, ausgehend von einem einfachen Gewehr, das Schicksal eines deutschen Gefallenen in seltener Präzision zu dechiffrieren. Das geht aus einem Forschungsbericht der beiden Historiker hervor, der der F.A.Z. vorliegt.

Die Geschichte beginnt in einem Waffengeschäft im Sommer 2021 in Edinburgh, wo Allton die Repetierwaffe entdeckte, auf deren Seite eine kleine Messingplakette angebracht war. Auf ihr verzeichnet: der Name eines Deutschen, seine Einheit und der Ort seines Todes in Flandern, an dem er im Frühjahr 1915 begraben worden sein soll. Ferner auf der Plakette: der Name des britischen Offiziers, der das Gewehr an sich nahm, und der Name seines Offizierskameraden, dem er es später übergab.

  • Die Plakette auf dem deutschen Gewehr 98 enthält eine Fülle von Informationen, die dem Finder der Waffe, einem britischen Offizier, zur Verfügung standen. Dass sie lückenhaft waren, zeigen schon die von der Norm abweichenden Schreibweisen. Die Forscher fanden zudem heraus, dass Meyer zu einem anderen Armeekorps gehörte. Dem 12. gehörte vermutlich ein Vornutzer von Teilen seiner Uniform an.
  • Die Plakette auf dem deutschen Gewehr 98 enthält eine Fülle von Informationen, die dem Finder der Waffe, einem britischen Offizier, zur Verfügung standen. Dass sie lückenhaft waren, zeigen schon die von der Norm abweichenden Schreibweisen. Die Forscher fanden zudem heraus, dass Meyer zu einem anderen Armeekorps gehörte. Dem 12. gehörte vermutlich ein Vornutzer von Teilen seiner Uniform an.
  • Foto: Hooge Crater Museum

Mehr hätten sie damals nicht gewusst, sagt Schäfer am Telefon. „Und danach passierte auch erstmal gar nichts.“ Wegen des Brexits konnte die Waffe erst vor ein paar Wochen nach Belgien geschafft und einem Team von Historikern übergeben werden. Dann begann eine Arbeit im Akkord. In den National Archives in London und im Staatsarchiv in Stuttgart gingen Allton und er in den Tagebüchern der in dem Front­abschnitt in Westflandern eingesetzten Regimenter auf die Suche nach dem deutschen Gefallenen und den beiden britischen Offizieren. Die Ausbeute ist laut Schäfer „das genaueste Ergebnis“ in der Reihe ähnlicher Forschungen zu persönlichen Schicksalen.

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