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Zwischenbilanz zu Flut in NRW : „Irgendwie erwischt es unser Land reichlich“

  • -Aktualisiert am

Ein Bagger fährt am 27. Juli 2021 in Swisttal auf einen riesigen Müllberg auf einer Wiese vor dem Ort. Bild: dpa

In den nordrhein-westfälischen Hochwassergebieten werde niemand mehr vermisst, sagt Innenminister Reul. 47 Menschen seien in dem Bundesland ums Leben gekommen. Bei der Aufarbeitung müssten nun die Warnsysteme im Mittelpunkt stehen.

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          „Irgendwie erwischt es unser Land reichlich“, sagt Herbert Reul mit Blick auf das neueste Unglück in NRW, als ihm am Mittwoch im Innenausschuss des nordrhein-westfälischen Landtags das Wort erteilt wird. Bevor der Innenminister eine erste vorsichtige Zwischenbilanz zwei Wochen nach der verheerenden Flutkatastrophe zieht, informiert er über den jüngsten Stand nach der Explosion am Dienstag im Leverkusener Chempark. Zwei Tote gebe es dort zu beklagen, nach fünf Vermissten werde weiter gesucht.

          Reiner Burger
          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Im Zusammenhang mit der Flut hat Reul dann immerhin eine gute neue Nachricht: In den Hochwassergebieten wird niemand mehr vermisst. Im Umkehrschluss steht damit die erste Schreckensbilanz fest: 47 Menschenleben forderte die größte Naturkatastrophe in der Geschichte des Landes allein in Nordrhein-Westfalen. Wie hoch die Flutschäden an privatem und öffentlichem Eigentum sind, vermag der Minister noch immer nur grob zu schätzen. Sie gingen „in die Milliarden“, sagt Reul. Abschnitte zweier Autobahnen und mehrerer Bundes- sowie Landstraßen sind nach wie vor voll gesperrt, rund 600 Kilometer Bahngleise und 80 Haltestellen und Bahnhöfe beschädigt.

          Wasserversorgung noch problematisch

          Nach dem Retten und Bergen gehe es nun ums Aufräumen, Reparieren und den Wiederaufbau – der mancherorts „Wochen, Monate und zum Teil Jahre“ dauern könne. „Ein großes Problem stellt aktuell noch die Wasserversorgung dar“, berichtet Reul. Vor allem im Raum Euskirchen, Erftstadt-Blessem, in Stolberg und Eschweiler und in der Städteregion Aachen kam es zu großen Schäden an den Leitungen, zahlreiche Anwohner müssen dort noch immer mit Wasser aus Tankwagen versorgt werden.

          Dass der Katastrophenschutz in Deutschland föderal und lokal organisiert ist, hält Reul für richtig. Die Flut habe gezeigt, dass es darum gehe, „Unwetterwarnungen gewissermaßen in die eigene Örtlichkeit zu übersetzen“. Weder dem Bund, dem Land, noch dem Deutschen Wetterdienst (DWD) in Offenbach seien die lokalen Gegebenheiten genau genug bekannt, um aus Wetterprognosen Handlungen abzuleiten.

          Der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul spricht am 28. Juli im Innenausschuss des Landtages mit einem Vertreter der Feuerwehr.
          Der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul spricht am 28. Juli im Innenausschuss des Landtages mit einem Vertreter der Feuerwehr. : Bild: dpa

          Auch das Warnsystem nimmt Reul in Schutz. Allein in der kritischen Krisenzeit zwischen Dienstagnachmittag und Mittwochmorgen hätten Städte und Kreise in Nordrhein-Westfalen 41 Warnmeldungen herausgegeben, davon neun der allerhöchsten Kategorie. Zugleich betont der Minister, dass die umfassende Aufarbeitung der Ereignisse und sämtlicher Strukturen im Katastrophenschutz unabdingbar sei. „Die 47 Toten weisen klar darauf hin, dass nicht alles richtig gelaufen ist.“ Schnellschüsse verböten sich aber, da die hochdynamische und großflächige Katastrophenlage die Führungsorganisation der Gefahrenabwehr in weiten Teilen des Landes vor nie dagewesene Herausforderungen gestellt habe.

          Eines steht für den Innenminister aber schon fest: Der Aspekt „Warnung“ sollte im Mittelpunkt der Aufarbeitung stehen. Manche hätten ihn belächelt, als er das Thema Sirenenwarnung auf die politische Agenda gesetzt habe. En passant erwähnt Reul, dass es in NRW aktuell rund 5200 und damit 854 Sirenen mehr gibt als 2018 und vor drei Jahren landesweite Probealarme und „Warntage“ im Land eingeführt worden seien. Denn Sirenen nützten nichts, wenn niemand wisse, was nach einem Alarm zu tun sei. Auch gelte es, weitere Warnsysteme aufzubauen.

          Reul dringt auf eine rasche Einführung des von vielen anderen Ländern auf der Welt längst genutzten „Cell Broadcast“, bei dem Handynutzer in Gefahrengebieten per SMS Warnmeldungen bekommen. Für klug hält er Überlegungen, den DWD als Bundesbehörde mit Warnmeldungen wie vor zwei Wochen künftig direkt – also ohne redaktionellen „Umweg“ – ins Rundfunkprogramm eingreifen zu lassen.

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