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Umfragen und Parteieintritte : Wie weit trägt der Schulz-Effekt?

Martin Schulz in der SPD-Bundestagsfraktion Bild: EPA

Die SPD hat monatelang in den Umfragen gedümpelt: Mit dem neuen Kandidaten Schulz ist in der Partei auch die Hoffnung verbunden, dass alles besser wird. Es gibt Anzeichen dafür.

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          Wer die SPD in die Bundestagswahl führen will, muss mit Hoffnungen und Sehnsüchten umgehen: Die Partei wieder aufrichten, ihr eine hörbare Stimme verleihen und Vertrauen gewinnen – an der Basis und in der Bevölkerung. Der bisherige SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel hat sich das nicht zugetraut. Seinem Freund Martin Schulz soll es nun gelingen, als Kandidat positiv auf die Partei abzustrahlen. Aktuelle Umfragen dürften in SPD-Kreisen Anlass zur Freude sein.

          Timo Steppat

          Redakteur in der Politik.

          Nach eigenen Angaben verzeichnet die SPD seit der Antwort auf die Kandidaten-Frage einen deutlichen Anstieg der Parteieintritte. „Seitdem bekannt wurde, dass Martin Schulz für die SPD ins Rennen um das Kanzleramt geht, sind über 500 Menschen in die SPD eingetreten“, sagte Generalsekretärin Katarina Barley der „Rheinischen Post“. Normalerweise beantragen demnach pro Monat durchschnittlich etwa 1000 Bürger ein SPD-Parteibuch. Nach der Benennung von Schulz am Dienstag seien es allein bis Mittwoch 200 Parteieintritte gewesen, hieß es in dem Bericht.

          Auch in der Wählergunst soll sich eine leichte Wende zeigen. Nachdem die Partei monatelang zwischen 20 und 23 Prozent pendelte, deutet sich eine positive Entwicklung an. Laut einer am Freitag veröffentlichten Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen im Auftrag des ZDF würden sich 24 Prozent der Deutschen für die SPD entscheiden, wenn am Sonntag Bundestagswahl wäre. Das sind drei Prozentpunkte mehr als bei der vorherigen Umfrage – allerdings immer noch zwölf Prozentpunkte weniger als für die CDU/CSU, die 36 Prozent erreichen. Zuvor hatte sich die SPD auch im ARD-„Deutschlandtrend“ um drei Punkte auf 23 Prozent verbessert. Die Unionsparteien kamen hier auf 35 Prozent.

          Im direkten Vergleich mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) liegt der frühere EU-Parlamentspräsident Schulz in der Wählergunst laut „Politbarometer“ fast gleichauf. Merkel wünschen sich 44 Prozent der Befragten als Kanzlerin, für ihren Herausforderer sprechen sich 40 Prozent aus.

          Erfolg liegt innerhalb der Fehlertoleranz

          Schulz erreicht zudem in der Liste der zehn beliebtesten Politiker auf Anhieb den zweiten Rang. Auf einer Skala von plus fünf bis minus fünf kommt er auf einen Wert von 2,0. Besser schneidet nur der scheidende Bundesaußenminister und voraussichtliche neue Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mit einem Durchschnittswert von 2,5 ab. Nach den beiden SPD-Politikern folgen der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) mit 1,9 und Kanzlerin Merkel mit 1,8.

          Für das Politbarometer befragte die Forschungsgruppe Wahlen von Dienstag bis Donnerstag 1303 Wahlberechtigte. Damit konnte die personelle Neuaufstellung der SPD, die am Dienstag bekannt geworden war, die Aussagen der Befragten noch beeinflussen. Nach Angaben des Meinungsforschungsinstituts liegt der Fehlerbereich bei Prozentwerten von 40 Prozent bei rund drei Prozentpunkten, bei Werten von zehn Prozent bei rund zwei Prozentpunkten.

          Der neuerliche Erfolg der SPD liegt also mit drei bis vier Prozent beinahe noch in der Fehlertoleranz. Wie stark auch die Fragestellung das Ergebnis beeinflusst, zeigt der Vergleich der Infratest-Umfrage mit einer Befragung des Instituts Insa im Auftrag der „Bild“-Zeitung. Während Merkel und Schulz bei Infratest nahezu gleichauf sind, erreicht Merkel knapp über 40 Prozent und Schulz rund 25 Prozent der Zustimmung bei Insa; 30 Prozent wollen keinen von beiden direkt wählen. Diese Möglichkeit gab es bei Infratest nicht – es gab nur die Wahl zwischen Merkel oder Schulz.

          Der Reiz des Unbekannten

          Momentan profitiert Schulz noch davon, dass er weiten Teilen der Bevölkerung nahezu unbekannt ist. Er verfügt über kein innenpolitisches Profil, aber viele Bürger bringen ihm eine gewisse Grundsympathie entgegen. Was passiert, wenn stärker thematisiert wird, dass Schulz Teil des Brüsseler Polit-Establshments ist?

          Schon heute zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen Merkel und Schulz, wenn sich der Blick auf die zugeschriebenen Kompetenzwerte richtet. Merkel genießt ein deutlich höheres Zutrauen, das für die langfristige Entwicklung entscheidender sein dürfte.

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          Auch bei der vorigen Bundestagswahl verzeichnete die SPD nach der Verkündung des Kandidaten zunächst einen positiven Effekt. Peer Steinbrück, ein bis dato sehr beliebter Politiker, ließ die Umfragewerte zunächst steigen. Nach der Debatte über seine Vortragshonorare und andere Fehltritte, sanken die Werte deutlich und zogen auch die der SPD mit nach unten.

          Im Moment profitiert die SPD von Schulz und dem Reiz des Unbekannten. Ob das reicht, um wenigstens das Ergebnis vom vergangenen Mal wieder zu erreichen? 25,7 Prozent waren das. Davon ist die SPD bei aller Freude nämlich noch ein Stück entfernt.

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