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Erika Steinbach im Interview : „Sehnsucht nach Mitgefühl und Verständnis“

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„Sie bauen ein Zentrum gegen Vertreibung” Bild: F.A.Z.-Greser&Lenz

Die Vertriebenen-Vorsitzende hat ihr Ziel fast erreicht: Pläne für ein Zentrum gegen Vertreibungen sind auf den Weg gebracht. Warum Erika Steinbachs Arbeit damit aber noch nicht erledigt ist, erklärt sie im F.A.Z.-Interview.

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          Die Vertriebenen-Vorsitzende hat ihr Ziel fast erreicht: Pläne für ein Zentrum gegen Vertreibungen sind auf den Weg gebracht. Doch damit ist Erika Steinbachs Arbeit noch nicht erledigt.

          Frau Steinbach, der Pulverdampf scheint sich verzogen zu haben, das Zentrum gegen Vertreibungen ist auf dem Weg. Wie geht es jetzt weiter?

          Jetzt wird das Kabinett sicherlich in einer Vorlage die Grundsatzposition beschließen, und dann muss der Staatsminister für Kultur sehen, dass er das in geeigneter Form umsetzt.

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          Wie geht es mit Ihnen weiter?

          In der von CDU/CSU und SPD ausgehandelten Grundsatzentscheidung ist vorgesehen, dass der BdV vertreten ist. Und mein Verband kann sich nicht reinreden lassen, wer ihn vertreten darf.

          Es ist noch nicht entschieden, wer den BdV vertritt?

          Das wird geschehen, wenn es so weit ist.

          Haben Sie sich etwas vorzuwerfen?

          Noch bevor die Stiftung gegründet wurde, habe ich alle Botschafter angeschrieben, aus deren Ländern Deutsche vertrieben worden sind, das war im Juli 2000. Und ich habe dem damaligen polnischen Außenminister Wladyslaw Bartoszewski einen herzlichen Brief geschrieben und ihn um einen Termin gebeten. Aber es kam nie eine Antwort. Aber trotzdem würde ich sagen, rückblickend war es nicht verkehrt. Es machte deutlich, dass wir den Dialog mit unseren Nachbarn wollten und wollen. Und wenn man sich in dem einen oder anderen Land mit dem Dialog schwertut, dann muss eher dort die Aufarbeitung stattfinden.

          Polnische Politik war unter Ministerpräsident Jaroslaw Kaczynski antideutsch grundiert. Sehen Sie Anknüpfungspunkte mit einer neuen Regierung unter einem Ministerpräsidenten Donald Tusk?

          Man muss das innenpolitische Klima in Polen betrachten. Es wäre für Tusk unmöglich, eine Neunzig-Grad-Wende zu machen. Dass er sehr viel liberaler denkt und auch das deutsch-polnische Verhältnis wieder begradigen möchte, davon bin ich überzeugt. Das Erfreuliche war für mich, dass in den Regionen, wo früher Deutsche gelebt haben, die Kaczynski-Brüder niemals eine Mehrheit hatten. Die engen Kontakte der Vertriebenen zu den heutigen Bewohnern haben Vertrauen wachsen lassen.

          Wenn das Zentrum gegen Vertreibungen kommt, hat sich dann Ihre Arbeit erledigt?

          Nein. Unsere Stiftung wird weiterarbeiten.

          Mit welchem Schwerpunkt? Spielt das Recht auf Heimat eine Rolle?

          Diese Stiftung will beständig mahnen, Vertreibung als Mittel der Politik zu ächten. Darüber hinaus bringen wir gerade eine Ausstellung zur Siedlungsgeschichte der Deutschen auf den Weg.

          Aber was haben die deutschen Vertriebenen davon? Ihr Verband hat schon auf Vermögensansprüche hingewiesen und ein Rückkehrrecht gefordert.

          Vermögensansprüche sind kein Thema unserer Stiftung. Dass die europäische Niederlassungsfreiheit kein Rückkehrrecht ist, liegt juristisch auf der Hand. Es sind jetzt mehr als sechzig Jahre seit Kriegsende vergangen, und die Mehrheit der deutschen Heimatvertriebenen hat sich mit dem Status quo arrangiert. Aber es gibt die Sehnsucht nach Mitgefühl, Verständnis und Zuwendung.

          Ihr Zentrum verfolgt also einen universellen Ansatz.

          Wir haben auch die heutigen Vertreibungen im Fokus und die Solidarität mit Vertreibungsopfern. Am Schicksal der Armenier wird das deutlich. Übrigens, die Tatsache, dass sich die Türkei bis heute nicht mit dem Völkermord an den Armeniern konstruktiv auseinandersetzt, sondern ihn leugnet, zeigt, dass durch eine solche Haltung ein Thema selbst neunzig Jahre danach lebendig bleibt. Ein Land, das nicht bereit ist, sich mit seiner eigenen Geschichte auseinanderzusetzen wird solche Themen nicht los. Das ist geradezu ein Lehrstück.

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